Projekte

Ausstellung "Maria"

2014 - Burg Gladbach, Gladbach

„SUBROSA–DUSOLLSTDIREINBILDNIS MACHEN!“

ERÖFFNUNGSVORTRAG ZUR AUSSTELLUNG „MARIA“ AUF BURG GLADBACH / VETTWEIß IM MAI 2014

Peter Ramers

Wie haben „sub rosa“ diesen Raum betreten. „Unter der Rose“, die in der griechisch- römischen Kultur den Frühling, die Schönheit und die Liebe symbolisierte – aber auch auf den Tod und die Flüchtigkeit des Lebens verwies, hieß doch bezeichnenderweise ein römisches Fest der Toten Rosalia.

Frühling und Herbst, Anfang und Ende, Leben und Tod. Mit diesem Ambivalenzen unseres Lebens sind wir schon mitten im Thema und bei der Frau, für die die Rose als die Königin der Blumen, zumal in ihrer weißen Gestalt, zu einem bevorzugten Sinnbild wurde: nämlich für Maria, die Königin des Himmels und der Erde.

In diesem Rosarium, diesem Rosengarten – einem Begriff, der im Mittelalter u.a. auch als Synonym für „Schatzkammer“ gebraucht wurde – in dieser Kunst-Schatz- kammer auf Burg Gladbach begegnen wir der „Mystischen Rose“, wie Maria in der Lauretanischen Litanei angerufen wird, dargestellt in unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen, die sich dieser Urgestalt anzunähern versuchen, wohl wissend, dass wir hier ans Geheimnis rühren, das sich uns stets im Sich-Zeigen entzieht, wie es Friedrich von Hardenberg alias Novalis einst in den berühmten Versen ver- dichtete:

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt.
Doch keins von allen kann dich schildern, Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel Seitdem mir wie ein Traum verweht, Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.

Lassen wir also „der Welt Getümmel“ an diesem Nachmittag hinter uns und machen wir uns ein Bild von dieser Frau, in der wir auch uns selbst und unserem Leben be- gegnen können.

Wir haben keine Biografie von Maria, dieser Frau aus Nazareth, und auch das Neue Testament bietet wenige Information. Gleichwohl begleitet sie die Christenheit bis heute und begegnen ihrer Gestalt Menschen des Abendlandes wie in aller Welt im- mer noch regelmäßig.

Keine andere Frau ist in der westlichen Kulturgeschichte inbrünstiger verehrt, häufi- ger gemalt, leidenschaftlicher besungen, hymnischer gepriesen worden.
Maria wurde auf Altäre gestellt, Kirchen und Klöster wurden ihr zu Ehren gebaut. Der Tag wurde mit ihr begonnen und beendet, das Jahr nach ihren Festen eingeteilt. Ihr wurde die größte Verehrung entgegengebracht, die wohl je einer irdischen Frau zuteil wurde.

Wie ist es zu erklären, dass sie in der Religions- und Kulturgeschichte unauslöschliche Spuren hinterlassen hat? Wie kommt es, dass von ihr Inspirationen ausgingen, deren literarische Formung und künstlerische Gestaltung zu unverwechselbaren Bestandtei- len der morgen- und abendländischen Kultur geworden sind?

Wohl deshalb, weil der christliche Mythos und der Kult, die sich um diese Gestalt im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, auf einem machtvollen archetypischen Fundament ruhen, das weit in die vor- und außerchristliche Zeit zurückreicht. Die Symbolisierung des Mütterlich-(Ur-)Mütterlichen ist früheste Erfahrung der Mensch- heitsgeschichte.

Die Lehre von einer göttlichen Mutter bzw. von der Mutter Gottes als Ursprung allen Lebens zählt religionsgeschichtlich zu den ältesten religiösen Anschauungen der Menschheit. Als die göttliche Frau, aus deren Schoß Leben und Tod hervorgeht, ist sie das Zentrum des Geheimnisses von Geburt und Tod und neuem Leben.

Vor diesem Hintergrund erst versteht man die Bedeutung, die darin liegt, dass das Christentum vom 4. Jh. an in seiner Praxis, wenn auch zumeist nicht auf der Ebene der theologischen Reflexionen, eine höchst wichtige und eigentlich wunderbare Tat- sache realisiert: dass seine eigenen Mariendogmen unmittelbar an die großen Visio- nen und Bilder der vor- und außerchristlichen Religionen anknüpfen konnten und

 

mussten. Gerade die katholische Kirche hat die zentralen Bild- und Ausdruckssymbole des Unbewussten in großer Zahl aufgegriffen und bis in die Gegenwart hinein zu ret- ten vermocht, allerdings oft ohne sich dessen bewusst zu sein.
So flossen auch in die kirchlichen Marienbilder Mythen und Träume, Sehnsüchte, Hoffnungen und Bedürfnisse ein, die Menschen – gleichsam als Urbilder und Befind- lichkeiten ihrer geistig-seelischen Grundausstattung – in ihrem Innern mit sich trugen und mit sich tragen.

 

Kaum zu zählen sind die Sinn-Bilder, die Theologen und Dichter gerade des Mittelal- ters gebrauchten, um heilsuchenden Frommen die Unbegreiflichkeit der „Gottesmut- ter“ nahezubringen und ihre Rolle und Funktion für Wachstum, Heilung und Heil vor Augen zu führen, was sich nicht zuletzt an den vielfältigen Namen ablesen lässt, die ihr gegeben wurden:

 

  • Milchspenderin
  • Mutter der Zärtlichkeit
  • Mitleidende und Erbarmende
  • Immerwährende Hilfe
  • Heil der Kranken
  • Zuflucht der Sünder
  • Seelenretterin
  • Maria vom Knoten — Knotenlöserin

Und nicht zuletzt Schutzmantelmadonna. Im Mantel, den Maria über von Angst und Not bedrängte Menschen, über Städte und Länder breitete, fand das Vertrauen in die schützende Macht der Gottesmutter ihren wohl stärksten Ausdruck.

Sie spüren, geht hier und heute nicht in erster Linie um dogmatische Diskurse, nicht um das leider nicht selten etwas lebensferne Geschäft der theologischen Gelehrten- zunft.
Die Madonna, der Menschen aller Jahrhunderte ihre Sorgen und Nöte anvertrauten, ist nicht die Maria der abstrakt-spekulativen Theologie, auch nicht – wie oft ziemlich undifferenziert und der Erkenntnis der historischen Tatsachen wenig förderlich – die als Produkt klerikaler Männerherrschaft instrumentalisierte „unbefleckte Jungfrau“,

die nur Lust- und Frauenfeindlichkeit hervorgebracht habe, sondern sie ist das per- songewordene Verlangen nach erlöstem und behütetem Menschsein.
In der Geschichte ihrer Verehrung – nicht zuletzt auch in den literarischen und künst- lerisch-bildlichen Annäherungsversuchen – spiegeln sich Träume und Sehnsüchte, Einsichten und Erfahrungen, Wege und Irrwege von Menschen, die der Überzeugung waren, dass ihnen diese Gestalt bei ihrer Suche nach sinnerfülltem, geglücktem Le- ben und gutem Sterben helfen könne.

Gerade der mittelalterliche Mensch erlebte und erfuhr Maria nicht als unerreichbaren Übermenschen, sondern als Frau, der Gefährdungen und Leiden widerfahren waren: Armut, Flüchtlingselend, der Tod des eigenen Kindes. Maria, durch Votivgaben be- drängt und beschworen, half den Gebärenden; sie schützte Neugeborene gegen alle Gefahren, sie leistete Beistand in der Todesstunde. Im Himmel betätigte sie sich als Anwältin ihrer Verehrerinnen und Verehrer. Im Angesicht des männlich-unnahbaren Vatergottes gebrauchte sie ihre mütterliche Macht zum Wohle der Menschen. Marienverehrung im Mittelalter verlangte auch nach Bildern, die gefielen und dazu einluden, sich in dem Dargestellten wiederzuerkennen. Als von Gott begnadete Frau musste Maria deshalb auch schön sein. Schönheit war ein Merkmal des Heiligen. Oh- ne einen Hauch von Erotik war Maria als heilige Frau nicht darstellbar.

Im Mittelalter gab es also eine Maria, die viel sinnlicher, wirklichkeitsnäher, aber auch in gewisser Weise unangepasster und unkonventioneller war als die Madonna der Nazarener oder die Immaculata-Darstellungen vor allem des 19. und 20. Jahrhun- derts, die mehr den Eindruck sittsamer Bürgertöchter oder ätherisch-lebensferne We- sen als von starken, selbstbewussten Frauen machen.

Die Reformation erhob dann den Vorwurf, schöne Marienbilder würden die Sinne ver- führen und seien der Andacht abträglich; die Milch und die Brüste Mariens haben die Reformatoren aus dem Bildvorrat der abendländischen Theologie und der Künste entfernt; den Gedanken, dass Maria, eine Frau, an der Erlösung mitgewirkt haben könnte, als unbiblische Fiktion verworfen.

Erlösung wurde ausschließlich Männersache. Alles, was die spätmittelalterliche Frömmigkeit an weiblichen Anschauungsformen, Bildern und Metaphern in sich auf- genommen hatte, besaß nunmehr kein Heimatrecht mehr. Maria als korrektive In- stanz eines männlichen, gerechten und unzugänglich-fernen Gottes entfiel.

In der zweiten Hälfte des 20. Jh. eröffneten sich dann ganz neue Zugänge zu dieser Frau aus Nazareth.
Maria wurde zum Urbild einer selbstbewussten und widerständigen Frau, die zur Be- freiung aus allen patriarchalen Zwängen aufruft und Frauen ermutigt, Subjekte ihres eigenen Lebens zu werden und sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen abzufinden.

Gerade im Kontext lateinamerikanischer Befreiungstheologie entsteht ein Bild von Maria als Prophetin und als mutiger, starker Frau, die Armut und Leiden, Flucht und Verbannung mitmachte und die für die Befreiung der Armen aus allen geschichtlichen und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten eintritt.

Auch ihre Jungfräulichkeit, feministisch gedeutet, ist plötzlich nicht mehr gleichbe- deutend mit Leibfeindlichkeit und sexueller Enthaltsamkeit, sondern ein Symbol für die Autonomie der Frau, die sich selber gehört, die kein (vom Mann) abgeleitetes, sondern ein selbstbestimmtes Leben führt.

Und Mütterlichkeit, mit so verstandener Jungfräulichkeit verbunden, wird in der Sichtweise einer von Frauen entworfenen Marienlehre zum Bild für eine Lebenshal- tung, die behütet, wachsen lässt, nährt und gebiert und dadurch eigenständiges Leben hervorbringt.

Zunehmend finden sich nun auch Bilder von Maria, der Mutter Jesu, nicht nur in ka- tholischen Welten, sondern auch bei Malern, Schriftstellern, Dichtern, die nicht als besonders fromm im kirchenamtlichen Sinne gelten.
Man denke beispielsweise an Heinrich Heine, diesen süffisanten Spötter in Glaubens- angelegenheiten, für den Maria eine Gestalt von poetischer Faszinationskraft ist. Als Beispiel dafür mag eines seiner Gedicht stehen, das in der Vertonung Robert Schu- manns sehr bekannt geworden ist:

Im Rhein, im heiligen Strome, Da spiegelt sich in den Well’n Mit seinem großen Dome, Das große heilige Köln.

Im Dom da steht ein Bildnis, Auf goldenem Leder gemalt;
In meines Lebens Wildnis
Hat ́s freundlich hineingestrahlt.

Es schweben Blumen und Englein Um unsere liebe Frau;
Die Augen, die Lippen, die Wänglein, Die gleichen der Liebsten genau.

Die Madonna hat freundlich in die „Wildnis seines Lebens“ hineingestrahlt. Maria, die Frau im innersten Bezirk der Religion, gehört für ihn zur „Seelensiesta“, zum Ausru- hen der Seele im Dunkel eines katholischen Domes.

Eine ähnlich berührende Begegnung wurde dem großen französischen Lyriker Yves Bonnefoy einmal bei einem Besuch einer Kapelle irgendwo in der Provence zuteil. Diese atmosphärisch dichte Begegnung mit einem Marienbild beschrieb er wie folgt:

„Dann tritt ein, wie du es schon so oft getan, in jene ländliche Kapelle, höre die Stille tausendfältig beben von dem Geschrill der Zikaden, der Grashüpfer, sieh jene Madonna ... .“

Ein anderer großer Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts schließlich, Hermann Hesse, hat Maria in den Kosmos seiner Weltsicht, die sich unter dem Einfluss fernöst- licher Philosophie und Religion, aber auch der Tiefenpsychologie C.G. Jungs entwi- ckelte, zu integrieren versucht.

In seinem Madonnenfest im Tessin meditiert er das Bild der „goldenen Madonna“ in der Wallfahrtskirche auf dem Monte Arbostora:

Hundertmal habe ich diese Madonna belauscht, tausendmal sie von ferne gese- hen, manche Dutzend Male ihren grünen Vorplatz und ihre Mauerbrüstung mit der unglaublichen Aussicht besucht und durch das Fensterlein zu dem goldenen Bilde hineingeäugt. Sie wäre so recht ein Heiligtum für Menschen von meiner Art, und es ist eigentlich schade, daß ich gar nicht Katholik bin und gar nicht richtig zu ihr beten kann. Was ich indessen dem heiligen Antonius und dem heiligen Ignatius nicht zutraue, das traue ich doch der Madonna zu: daß sie auch uns Heiden verstehe und gelten lasse. Ich erlaube mir mit der Madonna einen eigenen Kult und eine eigene Mythologie, sie ist im Tempel meiner Frömmigkeit neben der Venus und dem Krischna ausgestellt; als Symbol der Seele, als Gleichnis für den lebendigen, erlösenden Lichtschein, der zwischen den Polen der Welt, zwischen Natur und Geist, hin und wider schwebt und das Licht der Liebe entzündet, ist die Mutter Gottes mir die heiligste Gestalt aller Religionen, und zu manchen Stunden glaube ich sie nicht weniger richtig und mit nicht klei- nerer Hingabe zu verehren als irgendein frommer Wallfahrer vom orthodoxen Glauben.

Maria, in der sich das „Licht der Liebe“ in einzigartiger Innigkeit und Schönheit ver- körpert, gehört für Hermann Hesse nicht dem Christentum allein.

Wie haben „sub rosa“ diesen Raum betreten. „Unter der Rose“, dem bevorzugten Sinnbild Mariens, einer Blume, mit deren Symbolgestalt – wie wir eingangs gehört haben – seit jeher auch die Ambivalenzen unseres Lebens, Anfang und Ende, Leben und Tod verbunden waren. Damit sind wir gleichsam im Zentrum dieser Ausstellung angekommen: der Pieta.

Sie ist nicht nur Identifikationsgestalt für das Leid einer Mutter, die ihrem Kind das Leben geschenkt hat und es tot wieder empfängt.
Dieses Motiv thematisiert zugleich die fundamentale Frage, die dem Leiden- und Sterbenmüssen des Menschen innewohnt. Ist der Tod, das Sterben ein Vorgang nackter Zerstörung? Oder deutet sich in ihm ein Übergang in ein Größeres an, das anders als vermittels der Symbolik von Geborenwerden und Sterben gar nicht zu thematisieren ist?

Maria hält die Leiche ihres Sohnes in dem Augenblick fest, in dem alle Hoffnung zu schwinden scheint und die Jünger geflohen sind und trägt sie gleichsam jener Geburt zum Leben entgegen, die wir christlich „Ostern“ nennen.
Die Faszination, die von dieser Pieta ausgeht, mag schließlich auch daher rühren, dass sie als archetypische Symbolgestalt der Großen Mutter einlädt, die Ambivalen- zen unserer Existenz zwischen Leben und Tod, Anfang und Ende, Hell und Dunkel, nicht zu versuchen, einseitig durch Verdrängung und Nichtwahrhabenwollen aufzulö- sen, sondern lebenslang auf der Suche zu bleiben nach Sinn und nach einer geistigen

Heimat, nach Geborgenheit und einer geistlichen Verankerung, die es ermöglicht, die unaufhebbare Widersprüchlichkeit des Lebens zu ertragen.
Die Pieta führt uns die dunklen Seiten unseres Lebens vor Augen, lässt uns aber auch schon goldschimmernd Licht ahnen. – Vielleicht ist ja irgendwo Tag!? –

Nur wer zugleich den Schatten und das Licht wahrnimmt, kommt in die Mitte. Er weißt, dass dunkel und hell die Welt ausmachen. Menschliches Ganzsein in diesem Sinne ist immer mehrdeutig paradox, heißt: Widersprüche aushalten.
Die Pieta, ein Urbild, das die großen Lebensprobleme nicht einfach auflöst. Und doch: Niemals geht man ganz ungetröstet von ihr fort!

Lassen Sie sich nun in diesem Rosarium, dieser Schatzkammer zu Burg Gladbach, von den hier ausgestellten Kunstwerken mit auf eine innere Reise nehmen und einen je neuen Erlebnisraum eröffnen.
Jedes dieser Kunstwerke ist eine Art Angebot, das von uns, den Betrachterinnen und Betrachtern ausgefüllt bzw. erst »realisiert« werden muss, stehen sie doch möglich- erweise auch in enger Beziehung zu unseren Erfahrungen und können sogar helfen, diese Erfahrungen besser zu verstehen und zu bewältigen.

Zurück