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Christus stirbt

2004 - St. Maternus, Breberen

„Christus stirbt“

Zur Liturgie und Installation am Karfreitag

Einleitung

Der Karfreitag (von kara→ Klage) ist als Todestag Christie von jeher ein Tag der Trauer und des mitleidenden Fastens. Die Liturgie des heutigen Tages ist in drei Bereiche unterteilt: Wortgottesdienst, Kreuzverehrung und Kommunionsfeier. Der Priester trägt nicht mehr, wie vor dem II. Vatikanischen Konzil, schwarz sondern in roten liturgischen Gewändern. Es ist die Farbe der Märtyrer, die in Christus ihr Urbild und Vorbild vor Augen haben und in dessen Todesgehorsam sie die Quelle ihrer eigenen Hingabe und ihres Triumphes sehen.

Der Karfreitag ist der Tag, der uns mehr als jeder andere dazu einlädt, einzudringen in „das Dickicht der Mühen und Schmerzen des Sohnes Gottes“ und dies nicht nur theoretisch durch Erwägungen des Verstandes, sondern mehr noch praktisch durch Bereitung des Willens zur freiwilligen Annahme von Leiden in unserem Alltag, um den Gekreuzigten beigestellt und ähnlich zu sein. Leiden wir mit ihm, so werden wir seine Leiden besser begreifen; denn „das reinere Leiden bewirkt ein inniges und reineres Verstehen“ und „niemand fühlt das Leiden Christi tiefer im Herzen als einer, der ähnliches erlitten hat“. In dieser Bereitschaft begleiten wir den Herrn an seinem letzten Erdentag.
Die grauenvolle Marter, die seinen Leib zerfleischen wird, hat noch nicht begonnen. Doch die Todesangst im Ölgarten bezeichnet einen der schmerzvollsten Zustände seiner Passion und enthüllt die bitterste Qual seines Geistes. Seine Seele ist in unsagbarer Angst versenkt, in äußerste Verlassenheit und Trostlosigkeit ohne die geringste Linderung, weder von seiten Gottes noch von seiten der Menschen. Der Herr fühlt drückend auf sich die ungeheure Last aller Sünden der Menschheit. Er, der Unschuldigste, sieht sich mit den abscheulichsten Verbrechen bedeckt, wie zum Feinde Gottes geworden, dessen unendliche Gerechtigkeit an ihm all unsere Verbrechen strafen wird. Gewiss, als Gott hört Jesus niemals auf, seinem vereinigt zu sein, auch nicht in den dunkelsten Augenblicken seiner Passion; doch als Mensch fühlte er sich wie von ihm verworfen, „von Gott geschlagen und erniedrigt“. Dies erklärt das innerste Erleben seines Geistes, ein Erleben weit schmerzlicher als die körperlichen Leiden, die ihn erwarten; es erklärt seine Klage: „Meine Seele ist zu Tode betrübt“ (Math. 26, 38). Früher hat er das Leiden glühend herbeigewünscht; nun aber, da seine Menschheit sich der brutalen Wirklichkeit gegenüber findet und der fühlbaren Hilfe von seiten Gottes beraubt ist, der sich nicht nur zurückzieht, sondern ihm sogar zu zürnen scheint, da stöhnt Jesus: „Mein Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ Doch der Angstschrei menschlicher Natur verklingt sogleich im Worte voller Gleichförmigkeit mit dem Willen des Vaters: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Math. 26, 39).

Die Licht-, Kunst- und Klanginstallation

Vor dem Beginn dieses Gottesdienstes erklingt das große Miserere mei, Deus von Gergorio Allegri († 1652). Es handelt sich dabei um eine der schönsten Psalmvertonungen der Musikgeschichte, diese Komposition durfte über Jahrhunderte nur an Karfreitag in der Sixtinischen Kapelle aufgeführt werden. Der Text lautet:
„Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde! Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was dir missfällt. So behältst du recht mit deinem Urteil, rein stehst du da als Richter. Denn ich bin in Schuld geboren; in Sünde hat mich meine Mutter empfangen. Lauterer Sinn im Verborgenen gefällt dir, im Geheimen lehrst du mich Weisheit. Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee. Sättige mich mit Entzücken und Freude! Jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast. Verbirg dein Gesicht vor meinen Sünden, tilge all meine Frevel! Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist! Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! Mach mich wieder froh mit deinem Heil; mit einem willigen Geist rüste mich aus! Dann lehre ich Abtrünnige deine Wege, und die Sünder kehren um zu dir. Befrei mich von Blutschuld, Herr, du Gott meines Heiles, dann wird meine Zunge jubeln über deine Gerechtigkeit. Herr, öffne mir die Lippen, und mein Mund wird deinen Ruhm verkünden. Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie dir geben; an Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. In deiner Huld tu Gutes an Zion; bau die Mauern Jerusalems wieder auf! Dann hast du Freude an rechten Opfern, an Brandopfern und Ganzopfern, dann opfert man Stiere auf deinem Altar.“

Der Kirchenraum ist nicht beleuchtet. Die große Kreuzigungsgruppe und alle Heiligenfiguren sind in schwarzes Tuch gehüllt. Die Kerzenständer sind leer und ebenfalls verhüllt. Das lichtlose Schwarz ist die Farbe der Nacht, der Vernichtung, der Trauer und vor allem Farbe des Todes. Als Gegensatz des natürlichen Lichtes ist es auch im geistigen Sinn Symbol der ewigen Finsternis, der Sünde. Die Trauer über das Leiden und Sterben Jesu soll somit den ganzen Raum materiell erfüllen. Das große weiße Tuch, am Gründonnerstagabend noch Altartuch, liegt, gleich einem Leichentuch, um den Altar herum und erstreckt sich in den Mittelgang des Kirchenschiffes.
Der einzige Lichtblick in diesem trostlos wirkenden Raum ist die, auf dem nackten Stein des Altares stehende, brennende Osterkerze, das Christussymbol unserer Kirche. Auch in seinem Leiden ist Christus noch bei uns, menschlicher als sonst in seinen von Verzweiflung, Ängsten und Leiden bestimmten letzten Stunden.

Der Passionsbericht nach Johannes (Joh. 18,1-19,42) schildert das Leiden und Sterben Jesu und kulminiert in der Bibelstelle: „Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“ (Joh. 19, 30) Dies ist der Augenblick, indem Christus stirbt, sein Lebenslicht ist gewaltsam ausgelöscht worden. Um diesen drastischen Augenblick symbolisch zu unterstreichen, wird die brennende Osterkerze auf dem Altar ausgedrückt werden. Christus ist tot. Parallel zu diesem „Gewaltakt“ erklingt ein Auszug aus dem Lento, der Sinfonie Nr. 3 für Sopran und Orchester der „Sinfonie der Klagelieder“ von Henryk Mikolaj Górecki. Diese Klagelieder haben menschliches Leid in seiner universellen und historischen Dimension zum Inhalt wie auch in seiner schmerzlichsten Form – die Wehklage einer Mutter über dem Leichnam ihres Sohnes. Der in polnischer Sprache gesungene Text lautet: „Söhnchen, liebes und erwähltes. Teil mit der Mutter Deine Wunden; Hab` ich Dich doch, liebes Söhnchen, in meinem Herzen bewahrt. Und Dir stets treu gedient. Sprich zu Deiner Mutter, um sie zu erfreuen. Denn Du gehst fort von mir, Du meine liebste Hoffnung.“ In dieses Klagelied wird der Psalm 88 gesprochen, die erschütternde Klage eines Todkranken. Dieser Psalm klagt Gott an, dieser sieht Gott aber auch als seine letzte Hoffung. Das Leid jedes Einzelnen wird hierin aufgegriffen und vor Gott gebracht und spiegelt gleichzeitig die Situation spürbar, in die sich Christus für uns Menschen freiwillig hingegeben hat, um uns zu erlösen.
Der Text lautet:
„Herr, du Gott meines Heils, zu dir schreie ich am Tag und bei Nacht. Lass mein Gebet zu dir dringen, wende dein Ohr meinem Flehen zu! Denn meine Seele ist gesättigt mit Leid, mein Leben ist dem Totenreich nahe. Schon zähle ich zu denen, die hinabsinken ins Grab, bin wie ein Mann, dem alle Kraft genommen ist. Ich bin zu den Toten hinweggerafft, wie Erschlagene, die im Grabe ruhen; an sie denkst du nicht mehr, denn sie sind deiner Hand entzogen. Du hast mich ins tiefste Grab gebracht, tief hinab in finstere Nacht. Schwer lastet dein Grimm auf mir, all deine Wogen stürzen über mir zusammen. Die Freunde hast du mir entfremdet, / mich ihrem Abscheu ausgesetzt; ich bin gefangen und kann nicht heraus. Mein Auge wird trübe vor Elend. / Jeden Tag, Herr, ruf’ ich zu dir; ich strecke nach dir meine Hände aus. Wirst du an den Toten Wunder tun, werden Schatten aufstehen, um dich zu preisen? Erzählt man im Grab von deiner Huld, von deiner Treue im Totenreich? Werden deine Wunder in der Finsternis bekannt, deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens? Herr, darum schreie ich zu dir, früh am Morgen tritt mein Gebet vor dich hin. Warum, o Herr, verwirfst du mich, warum verbirgst du dein Gesicht vor mir? Gebeugt bin ich und todkrank von früher Jugend an, deine Schrecken lasten auf mir, und ich bin zerquält. Über mich fuhr die Glut deines Zorns dahin, deine Schrecken vernichten mich. Sie umfluten mich allzeit wie Wasser und dringen auf mich ein von allen Seiten. Du hast mir die Freunde und Gefährten entfremdet; mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.“
Die ausgelöschte Osterkerze wird auf den Altar gelegt und von einem schwarzen Tuch verhüllt und so symbolisch zu Grabe getragen.

Bei der Kreuzverehrung wird nach altem Ritus sowohl das Vortragekreuz als auch das große Kreuz über dem Tabernakel enthüllt.
Beim Austeilen der Kommunion erklingt das von dem römischen Benediktiner Pater Giacinto Scelsi komponierte Orgelstück In nomine lucis V., ein abstraktes Orgelwerk, das die ganze Passion Jesu Christie zusammenfasst und musikalisch darstellt.
Nach dem Segensgebet herrscht Stille, Grabesruhe!

Psalm 88

Herr, du Gott meines Heils, zu dir schreie ich am Tag und bei Nacht.

Laß mein Gebet zu dir dringen, wende dein Ohr meinem Flehen zu!

Denn meine Seele ist gesättigt mit Leid, mein Leben ist dem Totenreich nahe.

Schon zähle ich zu denen, die hinabsinken ins Grab, bin wie ein Mann, dem alle Kraft genommen ist.

Ich bin zu den Toten hinweggerafft, wie Erschlagene, die im Grabe ruhen; an sie denkst du nicht mehr, denn sie sind deiner Hand entzogen.

Du hast mich ins tiefste Grab gebracht, tief hinab in finstere Nacht.

Schwer lastet dein Grimm auf mir, all deine Wogen stürzen über mir zusammen.

Die Freunde hast du mir entfremdet, / mich ihrem Abscheu ausgesetzt; ich bin gefangen und kann nicht heraus.

Mein Auge wird trübe vor Elend. / Jeden Tag, Herr, ruf’ ich zu dir; ich strecke nach dir meine Hände aus.

Wirst du an den Toten Wunder tun, werden Schatten aufstehn, um dich zu preisen?

Erzählt man im Grab von deiner Huld, von deiner Treue im Totenreich?
Werden deine Wunder in der Finsternis bekannt, deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?

Herr, darum schreie ich zu dir, früh am Morgen tritt mein Gebet vor dich hin.

Warum, o Herr, verwirfst du mich, warum verbirgst du dein Gesicht vor mir?

Gebeugt bin ich und todkrank von früher Jugend an, deine Schrecken lasten auf mir, und ich bin zerquält.

Über mich fuhr die Glut deines Zorns dahin, deine Schrecken vernichten mich.

Sie umfluten mich allzeit wie Wasser und dringen auf mich ein von allen Seiten.

Du hast mir die Freunde und Gefährten entfremdet; mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.

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