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Denn der Mächtige hat Großes an mir getan

2005 - Zisterzienserabtei, Himmerod

Lichtinstallation in der Zisterzienserabtei unserer Lieben Frau, Himmerod

„Denn der Mächtige hat Großes an mir getan…”

Der Zisterzienserorden

Vor ca. 900 Jahren begann die Geschichte des Zisterzienserordens und seiner Ausbreitung über ganz Europa. Noch einige Jahrzehnte vor der Entstehung der großen gotischen Kathedralen in Frankreich entwickelten die Zisterzienser eine durch strenge Einfachheit und Schmucklosigkeit geprägte Architektur als Ausdruck ihrer Spiritualität.

Es war eine Zeit des Umbruchs und des Neubeginns auf allen Ebenen, in die die Gründung des Ordens fiel. Die Jahrtausendwende, zu der man den Weltuntergang erwartet hatte, der durch Hungersnöte und Seuchen angekündigt zu sein schien, war überstanden. Nach dem ereignislos und katastrophenlos vorübergegangenen Jahr 1000 begann eine Zeit des demographischen und wirtschaftlichen Aufschwungs, das Zeitalter des Hochfeudalismus. Das geschlossene Herrschaftsgefüge des fast ganz Europa umfassenden Frankenreichs, begründet durch das Geschlecht der Karolinger, war nach vielen Teilungen vollständig zerbrochen. Autonomiebestrebungen der Pfalzen, Herzogtümer und Grafschaften hatten das Reich zerfallen lassen.

Auch die Kirche, zunächst Stütze des Königs, wollte sich nun von dessen Einflussnahme befreien. Die gregorianische Kirchenreform, die ihren Anfang auf der Synode von Sutri 1046 nahm, verfolgte das Ziel der Freiheit der Kirche. Der Investiturstreit zwischen sacerdotium und regnum, päpstlicher und königlicher Gewalt, entbrannte. Die monastischen Reformbewegungen des 10. und 11. Jahrhunderts, insbesondere die von Cluny ausgehende, hatten ein geistliches Klima geschaffen, das die Kirchenreformbemühungen begünstigte, die ihrerseits den Nährboden für die Entstehung neuer Orden gegen Ende des 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts bildeten, zu denen der Zisterzienserorden gehörte.

Robert, Abt des Benediktinerklosters Molesme, unzufrieden mit mangelnder Strenge und Ernsthaftigkeit des dortigen monastischen Lebens, verließ seine Abtei, um im Jahre 1098 das spätere Kloster Cîteaux zu gründen, den Geburtsort des Zisterzienserordens. Weltentsagung und Askese waren die Ziele des neuen Ordens, der seine Form durch die Nachfolger Roberts, Alberich und vor allem Stephan Harding, erhielt, der der streng zu befolgenden Benediktsregel eine eigene Ordensverfassung, die Charta Caritatis, hinzufügte.

Von überragender Bedeutung nicht nur für die Zisterzienser, sondern für die gesamte Kirche seiner Zeit war Bernhard von Clairvaux, der die Ausbreitung des Ordens über ganz Europa vorantrieb. Die strenge monastische Lebensform, die Hinwendung zu Armut, Arbeit und Einsamkeit, übte eine große Anziehungskraft auf den Adel und das mittelalterliche Rittertum aus, die sich über ein Jahrhundert lang halten konnte. So erreichte das mittelalterliche Mönchtum mit der Hochblüte der Zisterzienserklöster seinen Gipfel. Zurückgezogenheit von jedweder Siedlung und Verpflichtung zur Autarkie waren Vorgaben Benedikts von Nursia, die die Zisterzienser nicht nur befolgten, sondern zum Anlass der Schaffung eines ausgeklügelten Wirtschaftssystem nahmen, so dass die Klöster zu wichtigen landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Zentren wurden. Ihre ursprüngliche Stadtfeindlichkeit mussten die Zisterzienser revidieren. Sie beteiligten sich am städtischen Markthandel, erwarben dort Haus- und Grundbesitz und errichteten eigene Studienhäuser. Jedoch sahen sie gerade durch die Städte und die dort entstehenden Orden, die Franziskaner und Dominikaner, die für die Stadtbewohner attraktiver waren als die in der Einöde siedelnden Zisterzienser, ihre Position zunehmend gefährdet. Dennoch prägten sie auch noch im 13. Jahrhundert durch ihre fortschrittliche Architektur die christliche Welt.

Die Zisterzienserabtei Unserer Lieben Frau, Himmerod

Bernhard von Clairvaux suchte 1135 in Begleitung von Erzbischof Albero von Montreuil (1132 – 1152) einen geeigneten Klosterplatz im Salmtal (S.O.-Eifel) und nannte ihn angesichts seiner Lage spontan „Claustrum Beatae Mariae Virginis“, nach mittellateinischem Sprachgebrauch „Marienschoß“, d.i. „Ort der Menschwerdung“. Albero hielt diesen Namen in der Stiftungsurkunde (1138) fest „aus Liebe und Verehrung für Bernhard“ und seine erste Gründung in Deutschland. Seit dem Ende des 13. Jh. setzte sich der heutige Name „Himmerod“ durch. Er geht zurück auf das Rodungsland des Haymo oder Hemmo, dem heutigen Altenhof des Klosters.

1134 verlassen 12 Mönche unter Abt Randulf (1134-1168) Clairvaux. Sie zogen über Metz-Trier (Bernhardshof gegenüber der Liebfrauenkirche) in das Kylltal, wo ihnen Erzbischof Albero zu Winterbach bei Kordel einen Besitz geschenkt hatte. Die enge Örtlichkeit bot aber für ein auf Eigenbetrieb eingestelltes Zisterzienserkloster nicht genügend Ausdehnung. Die Mönche siedelten daher 1135 zunächst auf den Altenhof und dann in das Salmtal zwischen den Dörfern Eisenschmitt und Großlittgen über. Gelegentlich der Einweihung des ersten schlichten Holzklosters stellte Erzbischof Albero 1138 die Stiftungsurkunde aus. Seine reichen Schenkungen ermöglichten den Bau einer weiträumigen, steinernen Klosteranlage.

Neben einem gewissen Modetrend, der für mittelalterliche Klosterarchitektur wieder größeres Interesse hervorgerufen hat – ob für die prächtigen Benediktinerklöster oder die Zisterzienserklöster in ihrer Kargheit -, gibt es andere Gründe, weshalb die Welt der Zisterzienser bis heute einen großen Reiz auf ein breites Publikum ausübt: Verkörpert sie doch den Wert des Landlebens im Gegensatz zu den Problemen des modernen Großstadtlebens und verwirklicht dabei den Traum von einer geradezu ökologischen Eigenbewirtschaftung, die zu den durch Arbeitsteilung geprägten heutigen Produktionsweisen im Kontrast steht.
Daher sind die Zisterzienserklöster heute Sinnbild für eine Utopie des Mittelalters, die sich an die grundlegenden Fragen des Lebens erinnert. Und es ist die Übereinstimmung von Ethik und Ästhetik, die die Faszination der zisterziensischen Bauwerke ausmacht.

Das Magnificat

Der Zisterzienserorden ist geprägt von einer hohen Wertschätzung der Jungfrau Maria. Alle, vom Orden gegründeten Klosteranlagen und Kirchen sind ihr geweiht, so auch die Zisterzienserabtei „Unserer Lieben Frau“, Himmerod.

Für viele ist Maria eine große Gestalt ihres Glaubens, andere schrecken zurück und sind unsicher. Die Marienfrömmigkeit in ihrer überbordenen liturgischen Fülle fasziniert, ist aber auch vielen schwer verständlich. Obwohl Martin Luther durchaus eine Marienfrömmigkeit pflegte ist die Mariologie , in der Ökumene ein heißes Eisen. Sie erscheint zuweilen selbst überzeugten Katholiken schwer verständlich. Freilich sind es nicht selten Vorurteile und mangelnde Kenntnisse, die einen Zugang erschweren. Trotz aller Differenzen wird zu oft übersehen, dass die Bibel selbst entscheidende Aspekte vorträgt, die eine gemeinsame Basis für die Sicht Mariens bieten. Eine Spitzenstellung nimmt hierbei die Erzählung vom Besuch Marias bei Elisabeth mit dem Magnificat ein.
Von allen Evangelisten schenkt Lukas Maria in seinem Doppelwerk die größte Beachtung. Zwar verschweigt er nicht die Schwierigkeiten der ganzen Familie, Jesus zu verstehen (Lk 8,19ff). Aber er räumt Maria, die nach Ostern zur betenden Gemeinde zählt (Apg 1,14), eine Ehrenstellung ein: Er nennt sie “Begnadete” (1,28) und “Magd des Herrn” (1,34.38); Elisabeth nennt sie “Mutter meines Herrn” (1,43). Der Besuch Marias bei Elisabeth ist der Mittelpunkt des gesamten Kindheitsevangeliums. Lukas hat es so gestaltet, dass es zu einem erzählenden Christusbekenntnis wird. Die Schnittstelle ist der Besuch Marias bei Elisabeth. Dass die Mutter Jesu sich auf den Weg macht, ist nicht nur Ausdruck des Respekts der Jugend vor dem Alter. Es ist schon ein Hinweis darauf, dass Jesus, der Sohn Gottes, nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen: Er wartet nicht, bis die Menschen zu ihm kommen, sondern macht sich selbst auf den Weg, um den Menschen Gottes Heil zu verkünden.

Im ganzen Kindheitsevangelium sind es Hymnen, die den theologischen Sinn der Geschichte entdecken lassen. Das wichtigste Lied ist das Gloria der Engel auf dem Hirtenfeld zu Bethlehem: “Ehre sei Gott in der Höhe …”. Aber vom Benedictus des Zacharias (1,68-79: “Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels…”) bis zum Nunc dimittis des greisen Simeon (2,29-32: “Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden …”) gibt es ein starkes menschliches Echo dieses himmlischen Lobgesanges. Das Magnificat bildet den Mittelpunkt. Die Erzählung vom Besuch Marias bei Elisabeth läuft auf dieses Danklied zu. Es ist tief in den Gebeten des Alten Testaments verwurzelt. Im Ganzen und in vielen Einzelheiten knüpft das Magnificat an das Danklied der Hanna (2 Sam 2,1-12) für Samuel an. Das ist kein Zufall. Im ganzen Kindheitsevangelium schöpft Lukas aus den messianischen Traditionen Israels. Der Priester und Prophet Samuel verweist auf Jesus, den endgültigen Propheten und endgültigen Retter.

„Denn der Mächtige hat Großes an mir getan…”

Das Geheimnis der Geburt Jesu, das mit dem Geheimnis der Jungfräulichkeit Mariens verbunden ist, verweist auf das Geheimnis der Erwählung, der Führung und Rettung des Volkes Israel durch Gott. Maria antwortet auf die ihr entgegengebrachte Seligpreisung mit dem Verweis auf den Urheber allen Heils – Gott, der schlichtweg heilig ist. Dieser Hymnus selbst, der nach seinem lateinischen Anfang “Magnificat” (“Gepriesen”) genannt wird, besteht aus zwei Hauptteilen. Der erste Teil ist ein persönlich gehaltener Lobpreis Marias für das, was ihr geschehen ist; in den Versen 46-49 finden sich immer wieder betonte Formen von “Ich”; der zweite Teil ordnet dies dankbar in das gnädige Handeln Gottes an seinem ganzen Volk ein (1,50-55). Hier kann man noch einmal einen kleinen Unterschied machen. Zuerst wird von Gottes Heilstaten an den Kleinen und Benachteiligten gesprochen (V. 51-53), dann in einem etwas allgemeineren Sinn von seiner barmherzigen Treue (V. 54-55). Beide Hauptteile sind miteinander verbunden. Die Verse 49-50 sowie 51-53 betonen Gottes Barmherzigkeit bzw. die Eigenarten seines Handelns. Die Verse 46b-48 und 54-55 entsprechen dann einander als Auf- und Abgesang des Lobpreises. Deutlich wird auf alle Fälle, dass sich der Hymnus vom autobiographischen Lobpreis Gottes weg zu einem allgemeinen heilsgeschichtlichen Lobpreis entwickelt. Was Maria widerfährt, gehört in den Zusammenhang der ganzen Heilsgeschichte. Das Marienlob ist das Lob des barmherzigen Gottes. Wer Maria ehrt, wird von ihr selbst zur größeren Ehre Gottes geführt.

Das Magnificat ist in gebundener Rede formuliert. Es überwiegen kurze Hauptsätze, jedoch wird der Text hauptsächlich von parallelisierten (V. 46b.47) und antithetisch gegenübergestellten (V. 52a.b; 53a.b) Formulierungen geprägt. Sprachgestalt und Wortwahl orientieren sich an alttestamentlichen Vorbildern. Im griechischen Text wird die (im Deutschen unbekannte) Zeitform des Aoristes verwendet. Der Aorist ist eine Zeitform der Vergangenheit. Sie blickt zurück auf ein geschichtliches Ereignis. Beim Magnificat geht es im ersten Teil um die Berufung Marias und die Empfängnis Jesu. Deshalb formuliert die deutsche Übersetzung im Perfekt. Im zweiten Teil wechselt das Deutsche aber ins Präsens, während das Griechische beim Aorist bleibt. Das ist sachlich richtig. Denn der Aorist kann auch besagen, dass Gott so, wie er in der Vergangenheit – hier: in der Geschichte Israels – gehandelt hat, immer handeln wird, weil es seinem Wesen entspricht. Maria ordnet, was ihr widerfahren ist und die Jesusgeschichte eröffnet, in die Heilsgeschichte Gottes mit Israel ein, als eine, die von Gottes Schauen betroffen ist (V. 48a). Sie hat die Eigenart Gottes erkannt, von dem sie Heil erfahren hat. Sie erkennt und erfährt ihn als “Retter” (V. 47), der sich mit seinem machvollen und rettenden Handeln (V. 51) den Kleinen und Unterdrückten zuwendet (V. 48). Diesen Gott durfte Israel in seiner gesamten Geschichte mit Jahwe erfahren, wie der Verweis auf Abraham betont (V. 55). Weil Gott den Menschen treu bleibt, ist er zu loben. Wie treu er ist und wie sehr er hilft, wird Jesus zeigen. Der Evangelist reflektiert und deutet daher das Handeln Gottes an Maria und Elisabeth, welches vom Engel verkündet wurde. Auf diese Weise schafft Lukas eine Brücke zwischen der Verkündigungs- und Geburtserzählung. Das Magnificat lädt ein, sich wie Maria der eigenen Existenz und des Ortes des Menschen vor Gott bewusst zu machen, Gottes rettendes Handeln in der Geschichte Jesu und in der eigenen Biographie wahrzunehmen und in den Lobpreis Gottes einzustimmen.

Die Musik

Über den Ursprung der Musik gibt es verschiedenen Theorien. So glaubt man in der Nachahmung von Liebeslockrufen der Vögel, in anfeuernden Rufen bei gemeinschaftlicher Arbeit, in Jagd- und Kampfrufen, Ausrufen des Entzückens oder Totenklagen Urimpulse der Musik zu erkennen. Manches scheint dafür zu sprechen, doch sind Rufe noch nicht Musik. Erst wenn derartige Rufe sich zu Tonmotiven von bestimmter Tonhöhe festigen, können sie zu Keimzellen musikalischer Geschehens werden; erst durch gewollte Wiederholung werden sie über das bloß Triebhafte oder zufällige hinausgehoben, und erst in Verbindung mit freien oder periodischen rhythmischen und formalen Gliederungen wird aus solchen Motivketten Gesang, gestaltete Musik. Den Funden aus vorgeschichtlicher Zeit entspricht vieles, was man bei den Naturvölkern schon feststellte. Wenn man aus der musikalischen Verhaltensweise der Naturvölker Rückschlüsse zu ziehen versucht auf die Ursprünge der Musik, so ist hierbei auf jeden Fall zu berücksichtigen, dass die Kulturen der Naturvölker ontologisch denen der geschichtlich übersehbaren Gemeinschaften nicht nach-, sondern nebengeordnet sind. Sie bieten keine echte Analogie zum vorgeschichtlichen Sein etwa im Abendland, wohl aber Beispiel für andere Erscheinungsformen geschichtslosen menschlichen Seins überhaupt. Es lassen sich ergo aus der Beobachtung der Naturvölker immer nur Hypothesen über das Wesen des vorgeschichtlichen Seins aufstellen; Hypothesen, die gewisse Vorstellungen vermitteln können vom mutmaßlichen Werden menschlicher Kulturen innerhalb jener Zeiträume, die der direkten Forschung entrückt sind. Dies gilt für die Musik als Bestandteil jeder Kultur.

Die Kirchen-Musik

Ist ein zusammengesetzter Begriff. Mit ihrer Verankerung in der Liturgie erfährt sie ihre Bestimmung. Es wäre aber bedenklich, darüber die zweite Hälfte des Begriffs, nämlich „Musik“, zu schmälern. Musik ist in der Liturgie nicht nur schmückendes Element und künstlerisches Ausstattungsmittel, sondern notwendiger Bestandteil. Der feierliche Gottesdienst besteht zu wesentlichen Teilen aus Gesängen, die allein auf Grund einer falschen Entwicklung vielerorts nur als Texte gesprochen werden können. Die Liturgie soll den Menschen in seiner Gesamtheit ansprechen. Schon die Apostelbriefe (Kol 3,16; Eph 5,19f) mahnen zum Singen und überliefern hymnische Textstellen. Seit der Zeit der frühen Kirche begleitet Musik liturgische Handlungen: Einzug, Gabenbereitung, Mahl. In den Antwortgesängen zur Lesung, im Sanctus, im Gloria wird Musik selbst zur liturgischen Handlung, selbst Liturgie, die die Gemeinde singend oder hörend nicht nur in äußerer, sondern in innerer Teilnahme vollzieht. In den melismatischen textlosen Melodien der Alleluia-Jubilen drückt sich die expressive Freude wortlos aus. Die mehrstimmige Musik Europas und die Orgel haben sich im Bereich der abendländischen Kirche zu ihrem Klangreichtum und ihrer dominierenden Stellung entwickelt. Die kirchliche Instrumentalmusik und die Orgelmusik führen gleichsam die wortlose Musik der frühchristlichen Alleluia-Jubilus fort.

Kirchenmusik umfasst den Gregorianischen Gesang, den einstimmigen Gesang in der Landessprache, die verschiedenen Arten alter und neuer mehrstimmiger Vokalmusik, die kirchliche Orgel- und Instrumentalmusik. Sie ist aus ihrer Aufgabe heraus eine funktionale Musik, kann sich aber darin nicht erschöpfen. Wenn sie in der Liturgie die ihr entsprechende Stellung von hohem Rang einnehmen soll, muss sie sich zunächst als Musik qualifizieren und bedarf der Güte der Form und Ausführung. Um den Menschen ihrer Zeit verständlich zu sein, muss sie jeweils in ihren Ausdrucksformen mit der allgemeinen Musikentwicklung Schritt halten. Denn da sie nicht nur auf Gott, sondern mit der Liturgie auch auf die Menschen hingeordnet ist, ist sie mit dem Wandel der religiösen, geistigen, musikalischen und gesellschaftlichen Einstellung eng verflochten. Da Kirchenmusik überwiegend mit dem Wort verbunden ist, ist sie in ihrer nahezu zweitausendjährigen Geschichte unlösbar verknüpft mit der Auseinandersetzung zwischen Musik und Sprache und deren sich ständig wandelndem Verhältnis. Ihre geschichtliche Entwicklung vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen ihren liturgischen Aufgaben und dem Musikverständnis der Menschen in ihrer Zeit. Auch losgelöst von ihrer eigentlichen Bestimmung ist sie als religiös, als geistliche Musik außerhalb des Gottesdienstes Ausdruck des Menschen und seiner religiösen Haltung in seiner Zeit. Wenn Kirchenmusik echte Kunst ist, kann sie auch außerhalb der Liturgie als Musik bestehen. Die Kirche ist daher der Pflege der geistlichen Musik, der Kirchenmusik im weiteren Sinne, auch außerhalb der eigentlichen Liturgie verpflichtet. Nach den Worten der Liturgiekonstitution des zweiten Vatikanums stellt „die überlieferte Musik der Gesamtkirche einen Reichtum von unschätzbarem Wert dar“ der „mit größter Sorge bewahrt und gepflegt werden soll“ (LK 112 und LK 114).

Wir leben in einer Zeit, in der uns die Schätze einer Überlieferung aus vielen Jahrhunderten offen stehen. Wir erleben aber heute auch ein Aufbrechen zu neuen Wegen, eine Öffnung gegenüber der eigenständigen Musiküberlieferung der Völker (LK 119). Dies ist ein entscheidender Umbruch insofern, als der Schwerpunkt nicht mehr auf der Tradition und der Ausrichtung auf einen bestimmten Stil liegt, sondern zu einer Neubesinnung führt auf die Aufgaben der Musik in der Liturgie, in der Seelsorger, Musiker und Gläubige eng zusammenwirken.

Die Lichtinstallation

Nicht Spektakel, sondern Ur-Intention

Kirchen stellen gerade im geschäftigen Umfeld von Städten, aber auch auf dem Land Freiräume des Menschseins dar. Sie werden bewusst als „Gotteshaus“ der Verzweckung durch den Menschen ausgespart, damit die Menschen dort einen Raum finden, um wieder mit sich selbst und dem Urgrund ihres Seins – mit Gott – in Kontakt zu kommen.

Es sind deshalb heilige Orte in einem ganz aktuellen Sinn. Sie bieten Möglichkeiten für die Menschen: zur Ruhe kommen, sich konzentrieren, Geborgenheit, Schutz und Segen erfahren und haben damit eine heilsame Wirkung auf die Menschen. Kirchen haben eine über 1700jährige Geschichte als heilsamer Ort für die Menschheit. Bis heute sind sie ein lebendiger Versammlungsort für die Feier der hl. Messe und werden von Betern frequentiert, die Kerzen entzünden, die vor den Andachtsbildern beten oder im weiten Kirchenschiff ihre Ruhe finden. Neben diesen traditionellen Formen der Erfahrung, dass sich hier am Ort Himmel und Erde berühren können, möchte ich durch meine Installationen versuchen neue Formen spiritueller Erfahrung zu finden.

„Dabei kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der liturgische Raum den Glauben prägt und diesen Glauben durch seine Gestaltung zum Ausdruck bringt. […] Der Kirchenraum prägt tiefer und unauffälliger das Glaubensbewusstsein einer Gemeinde als das Wort der Verkündigung. Deswegen halte ich es für eine ungeheure seelsorgerische Verantwortung, einen Kirchenraum zu gestalten. […] Die Raumgestaltung ist zudem Ausdruck des Selbstverständnisses von Gemeinde und Kirche, Spiegelbild eines ganz bestimmten Kirchenverständnis, einer ganz bestimmten Ekklesiologie“

Das Verhältnis von Kirche und Kunst

Das Zweite Vaticanum hat zu dem Verhältnis zwischen Kirche und Kunst und gerade zur Thematik der zeitgenössischen Kunst Stellung bezogen: „Zu den vornehmsten Betätigungen der schöpferischen Veranlagung des Menschen zählen mit gutem Recht die schönen Künste, insbesondere die religiöse Kunst und ihrer höchste Form, die sakrale Kunst. Vom Wesen her sind sie ausgerichtet auf die unendliche Schönheit Gottes, die in menschlichen Werken irgendwie zum Ausdruck kommen soll, und sind um so mehr Gott, seinem Lob und seiner Herrlichkeit geweiht, als ihnen kein anderes Ziel gesetzt ist, als durch ihre Werke den Sinn der Menschen in heiliger Verehrung auf Gott zu wenden.“ „Auch die Kunst unserer Zeit und aller Völker und Länder soll in der Kirche Freiheit der Ausübung haben, sofern sie nur den Gotteshäuser und den heiligen Riten mit der gebührenden Ehrfurcht und Ehrerbietung dient.“

Es ist wichtig, dass Kirche, heute, endlich wieder, wie sie es in früheren Zeiten tat, an der zeitgenössischen Kunst partizipiert. Die kulturelle Tat der Menschen ist der tiefe Ausdruck ihres Innersten, ist Ausdruck von Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten. Kunst als zweckloseste Form menschlicher Kreativität, spiegelt gerade als Sakralkunst die Auseinandersetzung mit Gott wider; sie bittet, sie dankt, sie klagt aber auch an, sie ist der Dialog zwischen der Schöpfung und ihrem Schöpfer, mit den Mittel ihrer Zeit, die den Künstlern zur Verfügung stehen. Kunst in der Kirche war und ist immer noch ein wichtiges Gerüst, Geländer und Stütze, die den gläubigen Menschen in seiner Spiritualität unterstützt, seinen Horizont erweitert und neue Perspektiven und Emotionen ermöglicht. Diesem Anliegen sollen Installationen dienen.

Installationen kein Spektakel

In diesem Sinne handelt es sich bei den Installationen auch nicht um ein Spektakel, das den Kirchenraum nur als Baukörper benutzt. Es geht vielmehr darum ihn von seinem Wesen und seiner Bestimmung her aufzugreifen und diese Intention in neue Medien und Formen zu überträgt und fortzuführen, dabei bleiben alle wesentlichen Elemente dieser heiligen Räume unangetastet. Aus diesem Grund sollten auch in katholischen Kirchen, die konsekrierten Hostien an ihrem Ort im Tabernakel bleiben. Ein Räumen des Tabernakels wäre sogar kontraproduktiv, da damit eine vermutete Unvereinbarkeit der Installation an diesem Ort eingestanden würde. Stattdessen versuchen die Installationen, den Ort des Tabernakels in das Gesamtkonzept zu integrieren. Die Präsenz Gottes im geheiligten Brot während einer Installation ist Ausdruck der Überzeugung, dass die Inkarnation Gottes kein geschichtlich abgeschlossenes Ereignis ist, sondern ein dynamischer Prozess, der sich fortwährend in seiner Kirche und ihren Lebensäußerungen vollzieht. So auch in ihren aktuellen Bemühungen, die Botschaft vom befreienden Gott mit den zeitgemäßen Medien in solchen Installationen erfahrbar zu machen. Der Gebrauch von Licht, Musik und anderen Materialien vermeidet die Reduktion auf eine einzige Kommunikationssituation und ermöglicht so unterschiedliche Kommunikationsformen für die communio von Gott und Mensch. Durch die Kombination so verschiedener Medien wird eine heilsame Wirkung des Sakralraums auf den Besucher erstrebt, was der Urintention sakraler Räume entspricht.

Was ist eine Installation in einem Kirchenraum?

Bei meinen Installationen handelt es sich um zeitlich begrenzte Einbauten von verschiedensten Leuchtmitteln und anderen Materialen wie: Stoffbahnen, Wasser, Rollrasen, Kies und Steine, Holz, Kerzen etc.; zu einer biblischen und/oder rein christlichen Thematik in Kombination mit Musik und/oder Werken anderer bildender Künstler. Verwirklicht werden von mir drei verschiedene Sparten von Installationen:

  1. Die Installation als eigenständiges Kunstwerk im Kirchenraum
  2. Die Installation als sensibel unterstützendes und untermalendes Werk im Hintergrund einer Eucharistiefeier
  3. Die Installation als zusätzliches Medium bei klassischen und zeitgenössischen Konzerten im Kirchenraum

Die Konzeptionen der Installationen basieren auf dem Snoezelen. Das Snoezelen ist eine in den 80er Jahren in der Arbeit mit behinderten Menschen entwickelte Therapiemethode. Der aus dem Niederländischen stammende Begriff „snoezelen“ ist ein Neologismus, der soviel bedeutet wie schnüffeln, dösen, schlafen und riechen. Vereinfacht will das Snoezelen helfen durch Licht, Geräusche, Gerüche, Geschmack und Gefühle in einer angenehmen Atmosphäre der Kommunikation den Heilungsprozess der Menschen zu fördern.

Die Installationskonzepte lehnen sich stark an das des Snoezelens an. Allerdings dienen sie nicht der Therapie und Heilung sondern der Heilszusage und dem Finden der inneren Harmonie. Hier werden die primären Reize Sehen, Hören und Riechen in den Vordergrund gestellt. Die Sinneswahrnehmung wird harmonisch abgestimmt. Harmonie bedeutet, dass Lichteffekte, Musik für den Besucher eine Gesamtkomposition ergeben und ihn ganzheitlich ansprechen und bieten so ein unmittelbares, niederschwelliges Wahrnehmungserlebnis, das durch die Gesamtkomposition der Sinneseindrücke einen harmonischen Zustand in den Besuchern erzeugt, in dem in einem solchen Kontext die spirituelle Dimension im Leben angesprochen wird. Der Sakralraum wird somit zum Ereignis- und Erfahrungsraum, in dem sich jeder Besucher mit seinen Erfahrungen einbringen kann und diese im Lichte des Evangeliums zu deuten lernt.

Ziel der Installation

Die Installation will den Menschen einen niederschwelligen, unmittelbaren und zeitgemäßen Zugang zu einer Grundaussage unserer christlichen Botschaft bieten:

Es gibt einen, der dich liebt, wie du bist: Gott. Bei ihm darfst du ganz du selber sein und auf ihn darfst du hoffen. Vor ihm darfst du dich vergessen, alte Wege verlassen und neu beginnen. Er schenkt dir Räume und Begegnungen, in denen du neue Hoffnung und neue Perspektiven für dein Leben entdecken kannst. Er schenkt dir den wahren Frieden für dein Leben, er führt dich zu neuer Lebendigkeit und zur Fülle deiner Möglichkeiten. (…ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Joh 10,10) – Wo wir Menschen das erfahren, da spüren wir: hier berühren sich Himmel und Erde!

Die sonst so wortlastige christliche (Gottesdienst-)Tradition lässt sich so auf ein Experiment einer nonverbalen, unmittelbaren Verkündigung mittels der Primärreize ein. Durch die ganz unmittelbaren Reize von Licht, Klang sowie andere Materialien sollen die Besucher den Kirchenraum als einen Kristallisationspunkt erleben, in dem sich Himmel und Erde berühren. Die Sinne der Besucher, die „Fenster ihrer Seele“ nach außen, wie es Aristoteles formulierte, werden eingeladen, sich zu öffnen für eines der größten Geheimnisse des Menschseins, der Erfahrung der Verbindung zu einem transzendenten Gegenüber, den wir als Christen als den dreifaltigen Gott bekennen. Die Sehnsucht in den Menschen nach dieser Dimension ihres Lebens wach zuhalten, ihnen neue Hoffnung zu geben und für die Annäherung daran Raum zu geben, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche in unserer Zeit.

Kirchen-Installationen können daher den Kirchenraum zu seinem eigensten Wesen zurückführen und somit im besonderen Einzelereignis verdichten, was Aufgabe, Sinn und Funktion des Sakralraums überhaupt ist: Es treffen sich Himmel und Erde, die Dimension des Jenseitigen trifft auf das Hier und Jetzt in neuen Medien. Als niedrigschwelliges Angebot an junge und alte Menschen in verschiedensten Kommunikationssituationen vermag es den Gläubigen ganzheitlich anzusprechen. Darüber hinaus wird noch ein anderes Desiderat erfüllt: der Kirche fern stehende Menschen und praktizierende Christen werden gleichermaßen angesprochen und individuell auf ihrem je anderen Glaubensweg vorangebracht und bereichert, indem ihnen der Sakralraum auf neue Weise als Ort der Gottesbegegnung erschlossen wird.

Die Schönheit der erklingenden Musik wird durch Licht in den Raum nochmals auf eine zusätzliche sinnliche Ebene transferiert und dadurch intensiv erfahrbar gemacht. Diese Kulturnacht – Konzerte bieten daher mehr als puren Musikgenuss; sie sind die Auseinadersetzung mit den religiösen Inhalten der verschiedenen Musikstücke, dem Gemisch von unterschiedlichsten Stücken aus verschiedenen Jahrhunderten und Epochen abendländischer Kultur und der Schönheit der Schöpfung und dem Glauben. Licht und Musik lassen die Menschen zusammenrücken, stellen sie alle auf eine gleiche Ebene, ein Plateau der Kommunikation und der Verständigung zwischen den Völkern.

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