Projekte

Der das Licht um sich schlingt wie ein Tuch

2007 - Stephansdom, Wien

Der das Licht um sich schlingt wie ein Tuch, den Himmel wie einen Zeltteppich spannt

Tuch- und Lichtinstallation in der Metropolitan-, Dom- und Pfarrkirche zum Hl. Stephanus und Allen Heiligen; Bischofskirche der Erzdiözese Wien

Das Projekt

Achtzehn jeweils lichtdurchflutete Stoffbahnen, die sich von den Durchgängen der Seitenschiffe durch die Spitzbögen des Hauptschiffes bis unter die Decke wölben, sollen die gotische Architektur des Wiener Stephansdom unterstreichen und hervorheben. Für den Zeitraum der Nacht der offenen Kirchen 2007 wird der Kirchenraum von St. Stephan so zum Einen sanft erleuchtet, zum Anderen bekommt das Kircheninnere eine neue Form, eine Form, die den Blick von unten nach oben zieht und gleichzeitig ein Gefühl der Geborenheit vermittelt. Ästhetik und Geborgenheit sind die zentralen Elemente, die die theologische Aussage: „Der das Licht um sich schlingt wie ein Tuch, den Himmel wie einen Zeltteppich spannt“ visualisiert. Als Grundlage für das theologische Programm wurde der Psalm 104 ausgewählt, welcher an jeder Säule in jeweils einer europäischen Sprache auf einer „Stofffahne“ angebracht werden soll. Zusätzlich soll die Möglichkeit zur Eucharistischen Anbetung auf dem Hauptaltar geschaffen werden.

Psalm 104 durchschreitet die Lebensräume der Welt, beschreibt faszinierend die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung und verbindet Aussagen über die Erschaffung und den Erhalt der Schöpfung. „Die ganze Skizze des Weltbilds zielt auf die zentrale Aussage von V. 27-30 : dass alles, was lebt, sein gemeinsames Leben der gebenden Hand, dem liebevoll zugewandten Angesicht und dem belebenden Atem Gottes verdankt – einem Du, vor und zu dem der Beter begeistert sein Schöpfungslob singt.“ Im Psalm 104 wird nicht über die Mühsal des Lebens, wie in Gen 3, 17-19 , geklagt, sondern hier spricht sich im Gegenteil das Staunen darüber aus, was diese Erde an Gutem und Schönem hervorbringen kann, wenn sie unter dem Segen eines gütigen Schöpfergottes steht. Dabei hebt der Dichter hervor: diese Gaben der von Gott gegründeten und versorgten Erde erfreuen das Herz und das Angesicht des Menschen, d.h., sie können ihn stark, glücklich und schön machen. Daraus ergibt sich auch, dass die Erde das vom Schöpfergott gewollte „Lebenshaus“ bleibt, dass die unterschiedlichen Lebewesen die ihnen zugewiesenen Lebensräume und Lebenszeiten respektieren müssen. „All dies ist die Erde von JHWH her – vorgängig vor allem Eingreifen des Menschen und unabhängig davon. Das ist ja schöpfungstheologisch „Ur-Erlebnis“ der alttestamentlichen Menschen, über das sie unaufhörlich staunen: Dass das Leben einfach da ist, schier unerschöpflich vorgegeben, freilich auch darauf angewiesen, es immer neu entgegenzunehmen, weil keines der Lebewesen es für sich selbst machen kann.“ Die Welt besteht aber auch aus Störungen und Katastrophen. Die Klagepsalme und das Buch Ijob zeigen überdeutlich, dass Israels Theologie einerseits der Versuchung widerstand, die Welt als Missgriff eines launigen oder zornigen Gottes zu verachten, und dass sie andererseits nie der Illusion erlag, durch menschliches „Machertum“ könne die Welt vollkommen werden. Im Gegenteil: Dieser Psalm erlebt diese Störungen als Zeichen der absoluten Verwiesenheit allen Lebens auf den einen Lebensatem, der JHWH selbst ist und an dem alle teilhaben, die leben. Wenn und wo JHWH seine Lebenskraft „ausschickt“, macht er Tote wieder lebendig und gibt der Erde immer wieder neue jugendliche Lebensfrische. Dass die „alte“ Erde täglich „jung“ wird, ist die „neue“ Botschaft, mit der der Psalm seine Weltbetrachtung hoffnungsvoll zusammenfasst. Der Mensch, der das Gotteslob zur Gestalt seines Lebens macht, verwirklicht genau das, was der Psalm mit Leben als verdankter Gottesgabe meint. Daran will der Psalmist sich auch nicht durch die deprimierende Gegenerfahrung des Bösen und Rätselhaften in der Welt, um dessen Verschwinden er bittet, behindern lassen. Im Gegenteil: mit der abschließenden „Andachtsformel“ fordert der Beter sich abermals auf, bei aller Bedrohtheit der Schöpfung auf den Schöpfergott zu blicken und in ihm „Freude“ an der Schöpfung sowie die Kraft zu einem schöpfungsgemäßen Leben zu finden – auch als Antwort auf die beklagte Realität des Bösen. Als lobpreisendes JA zum Schöpfergott ist der Psalm weder blinde noch blenden wollende Zustimmung zu allem, was ist und geschieht. Mitnichten: Er ist Ausdruck des Leidens daran, dass vieles nicht so ist, wie es sein könnte. Und er ist noch mehr Widerspruch gegen alles, was das Kommen des Gottesreiches in der Schöpfung behindert. Wer diesen Psalm singt, singt ihn auch gegen sich selbst! Indem er die Vision vom solidarischen Zusammenleben aller Lebewesen besingt, ist der Psalm ein öffentlicher Protest insbesondere gegen alle „Weltbilder“ und die daraus entspringenden Taten der Menschen, die die Menschen und ihre Bedürfnisse zum „Maß aller Dinge“ machen. Indem dieses Lied die Schönheit der Schöpfung, jenseits aller menschlichen Zwecke, besingt, hält es an der Verheißung fest, dass die Schöpfung zum Leben berufen ist. Insofern es diese Schönheit aber als täglich zu erneuernde aus der gütigen Hand Gottes kommen sieht und insofern es die verbrecherischen, gott-losen Menschen als Zerstörer dieser Schönheit benennt und das Nicht-Schöne nicht ausblendet, mahnt und motiviert es zur Umkehr.

Das Ziel

Die Installation will den Menschen einen niederschwelligen, unmittelbaren und zeitgemäßen Zugang zu einer Grundaussage unserer christlichen Botschaft bieten:

Es gibt einen, der dich liebt, wie du bist: Gott. Bei ihm darfst du ganz du selber sein und auf ihn darfst du hoffen. Vor ihm darfst du dich vergessen, alte Wege verlassen und neu beginnen. Er schenkt dir Räume und Begegnungen, in denen du neue Hoffnung und neue Perspektiven für dein Leben entdecken kannst. Er schenkt dir den wahren Frieden für dein Leben, er führt dich zu neuer Lebendigkeit und zur Fülle deiner Möglichkeiten. (…ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Joh 10,10) – Wo wir Menschen das erfahren, da spüren wir: hier berühren sich Himmel und Erde!

Die sonst so wortlastige christliche (Gottesdienst-)Tradition lässt sich so auf ein Experiment einer nonverbalen, unmittelbaren Verkündigung mittels der Primärreize ein. Durch die ganz unmittelbaren Reize von Licht, Klang sowie anderen Materialien sollen die Besucher den Kirchenraum als einen Kristallisationspunkt erleben, in dem sich Himmel und Erde berühren können. Die Sinne der Besucher, die „Fenster ihrer Seele“ nach außen, wie es Aristoteles formulierte, werden eingeladen, sich zu öffnen für eines der größten Geheimnisse des Menschseins, der Erfahrung der Verbindung zu einem transzendenten Gegenüber, den wir als Christen als den dreifaltigen Gott bekennen. Die Sehnsucht in den Menschen nach dieser Dimension ihres Lebens wach zuhalten, ihnen neue Hoffnung zu geben und für die Annäherung daran Raum zu geben, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche in unserer Zeit.

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