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Eine Kathedrale erzählt von Gott

2007 - Dom, Bamberg

Eröffungsrede

zur Lichtinstallation „Eine Kathedrale erzählt von Gott“ am 30.04.2007

Sehr geehrter Herr Erzbischof,
Sehr geehrte Damen und Herren,

über die Brücke der Sinne weiß sich der Mensch mit der Welt der geschaffenen Dinge und der Schöpfung verbunden.
Aristoteles bezeichnete die fünf primären Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen als das Fenster der Seele nach außen.
Über diese Seelenfenster erfahren wir etwas von Gott. Die Welt unserer Sinneswahrnehmung ist eine Welt der Hinwendung, der Begegnung und des Dialogs; sie verlangt, dass wir uns selber dabei zurücknehmen und vergessen können, um auf die innere Stimme dessen, was ist und geschieht, zu hören. Der Weg der Sinne weist von außen nach innen, vom Rand zur Mitte, von der Erscheinung zum Wesen und Geheimnis.

Sinnenhaft erfahren wir Gott, sinnhaft müssen wir den Glauben lernen und in uns aufnehmen.
Die Tatsache, dass der Glaube bei vielen Menschen unserer Zeit nur schwer ankommt, gründet nicht nur in dem Umstand, dass er eine heute oft nicht mehr verständlichen Sprache spricht und sich zum Teil überkommener Symbole bedient; die so genannte Sprachlosigkeit des Glaubens hängt zu einem Großteil auch mit dessen Entsinnlichung zusammen.

Wir haben oft den Glauben von der Welt unserer Sinne getrennt.
Dabei ist es doch so, dass Sinnlichkeit und Sinnesfreude in der Bibel charakteristische Schlüsselbegriffe sowohl für das Lebens- wie auch für das Glaubensgefühl des Menschen sind, wenn es heißt:

„Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was wir mit unseren Händen angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens“

(1 Joh 1,1)

Und:

„Dein Auge gibt dem Körper Licht. Wenn die Auge gesund ist, dann wird auch dein ganzer Körper hell sein […] Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.“

(Lk 11, 34-36)

Der Vorgang des Sehens gleicht dem Wunder der Schöpfung. Es ist das Auge, durch das wir das Licht empfangen. Unser Auge „sieht“ mehr, weiter und tiefer; es vermag zu schauen.

Es bleibt bei dem, was es wahrnimmt nicht stehen; es sieht nicht nur, es schaut, es schaut an und durch, es betrachtet und verweilt bei dem, was es sieht. Dabei kommt es zu einer Begegnung, zu einem Gespräch und Austausch. Erst darin fängt das Geschehen an, für den Betrachter zu existieren, für ihn da zu sein. Das ist eine neue Dimension oder Ebene der Weltanschauung, der Welterfahrung, der Glaubenserfahrung.

Der Weg vom Schauen zum Glauben ist somit nicht weit.
Der Schauende sieht tiefer und reicht darin den Glaubenden die Hand.

Wir reden heute fast nur noch von der Last, der Dunkelheit oder Krise des Glaubens. Damit aber unterschlagen wir die nicht wenig wichtige und legitime Erfahrung, die von den erleuchteten Augen unseres Herzens im Glauben spricht.

Zum Glauben gehört die Verheißung: „Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht“ (Lk 10, 23) und das Bekenntnis: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2, 30). Der Glaube schenkt neue Augen, zündet Lichter an, er enthält eine neue Lebens- und Weltsicht, er lehrt das Dasein, die Menschen und die Schöpfung in einem anderen als gewohnten Licht zu sehen.

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