Projekte

Engel des Heils

2009 - St. Foillan, Aachen

„Engel des Heils“

Zeitgenössisch-künstlerische Interpretation einer Legende aus biblischer Zeit

Biblische Grundlagen

Die Heilung eines Gelähmten am Sabbat in Jerusalem ( Joh 5,2-9)
2 Es ist aber zu Jerusalem bei dem Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Bethesda und hat fünf Hallen, 3 in welchem lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Verdorrte, die warteten, wann sich das Wasser bewegte. 4 Denn ein Engel fuhr herab zu seiner Zeit in den Teich und bewegte das Wasser. Welcher nun zuerst, nachdem das Wasser bewegt war, hineinstieg, der ward gesund, mit welcherlei Seuche er behaftet war. 5 Es war aber ein Mensch daselbst, achtunddreißig Jahre lang krank gelegen. 6 Da Jesus ihn sah liegen und vernahm, dass er so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich bewegt, der mich in den Teich lasse; und wenn ich komme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe hin! 9 Und alsbald ward der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber desselben Tages der Sabbat.

„Der Name Bethesda ist vom aramäischen beth hasada, „Haus der Gnade” abgeleitet, nach anderer Quellenlage beruht der Name auf „Vedes da” = „er gibt Erweckung oder Genesung”. Daneben ist wegen der Nähe zum Schaftor, ungefähr beim heutigen Stephanstor in Jerusalem, auch der Name “Schafteich(e)” überliefert.“ Aufgrund einer alten Legende, die sich auf, zur damaligen Zeit nicht ergründlichen, temporären Wasseroberflächenbewegung stützte, wurden zu den Teichen Bethesda viele Kranke gebracht, die dort auf ihre Heilung hofften. Sie warteten auf den Engel Gottes, dass er das Wasser berührte und damit dem Wasser Heilungskräfte verleihe. So war es wohl auch zu biblischen Zeiten, denn Jesus heilt an diesen Teichen einen Gelähmten (Joh 5,2-9). Heute noch tragen wohl deshalb viele Krankenhäuser noch den Namen Bethesda. In der johanneischen Erzählung wird diese Legende zum einen als Erklärung für den Aufenthaltsort der Kranken, Bethesda als im wörtlichen Sinne als Krankenhaus, erwähnt. Zum anderen dazu genutzt, zu bezeugen, dass Jesus diese Legende durch seine Zuwendung zum Menschen hin überwindet: „Das geschilderte Wunder ist historisch-kritisch in die Kategorie der Überbietungswunder einzuordnen. Jesus erweist sich als mächtiger als alttestamentlicher oder (in diesem Fall) heidnischer Wunderglaube.“

Die Installation

Kaum ein Wort im deutschen Sprachgebraucht ist derart positiv belegt, wie das Wort: „Engel“. Derzeit erleben wir eine wahre Engelrenaissance und seit Menschengedenken haben Engel Künstler inspiriert. Die ersten Abbildungen eines Engels datierten Archäologen in die Zeit zwischen 2500 und 1000 v. Chr. nach Babylon. Andere Darstellungen gehen noch weiter zurück und verweisen auf Engel im ägyptischen Götterpantheon und auf geflügelte Wesen, die man, in Felsen gemeißelt, in Mesopotamien und Assyrien fand.

In Mitten des dunklen Kirchenraums der St. Foillan Kirche in Aachen erhebt sich eine ca. sieben Meter hohe, weit ausladende, abstrakte und gleißend hell beleuchtete Engelskulptur. Sie besteht aus drei Schwingenelementen und einem Kopfelement. Das verwendete Material für das Grundgerüst ist verzinkter Stahl, für die Schwingen wurde lichtleitendes, transparentes Weich-PVC verwandt. Die gesamte Skulptur steht in einem verspiegelten Wasserbecken mit, durch Strömungspumpen erzielten, Wasseroberflächenbewegung. Durch, von der Skulptur ausgehende, Lichteinstrahlung und die Reflexion des Wasser bzw. der Spiegel wird der gesamte Kirchenraum in ein bewegtes, natürliches Lichterspiel getaucht. Die Besucher der Installation können an den Beckenränder Kerzen aufstellen. Sie bzw. ihre aufgestellten Lichter werden so zu einem mitgestaltenden und prägenden Faktor der Installation. Die Skulptur und die Lichter werden ergänzt durch auf die Kirchenwände projizierten, ausgewählte Bibelzitate aus Altem und Neuen Testament zum Thema „Heil“ und durch eingespielte sakrale Musik aus verschiedenen Jahrhunderten.

Dargestellt ist der Kontakt des Engels mit dem in Bewegung geratenen Wassers. Aber die Installation bleibt nicht an der Legende haften. Bei diesem Kunstprojekt gibt es zwei Hauptaugenmerke: Zum einen die alttestamentlich/heidnische Vorstellung bzw. die Legende von einem heilbringenden Engel, der von Gott gesandt, den Menschen Erlösung von Krankheit und Leid bringt. Zum anderen das Kümmern Jesu um jemanden, der nicht in der Lage oder zumindest zu langsam ist selbstständig rechtzeitig in den Teich zu steigen um geheilt zu werden. So wird der Bogen zwischen der Legende und dem Wunderwirken Jesu geschlagen.

Der Heil bringende Engel

Gott sendet seine Engel zum Schutz und Heil der Menschen. Ein Gedanke der für die meisten Menschen tröstlich und anrührend, tief bewegend ist. In der Bibel sind Engel die „Boten“, die uns Gott nahe bringen und uns die helfende und heilsame Nähe Gottes zeigen. Zugleich haben sie aber auch die „Funktion“, die Distanz zwischen Mensch und Gott zu zeigen. Die Brunnenfigur zeigt einen Engel, der die Wasseroberfläche berührt, sich über dieser Fläche erhebt. Er symbolisiert die Zusage Gottes an den Menschen. Im nächtlichen Lichterspiel zwischen Wasser und Kircheninnenraum überträgt sich diese Zusage visuell auf den gesamten Kirchenraum. Zugleich ist aber auch deutlich, dass dies immer eine, für unsere Erfahrung „vermittelte“ Nähe und Liebe ist.

Wie oben erwähnt, besteht die Skulptur aus drei Schwingenelementen, ein Engel mit drei Flügeln. Dadurch bekommt die Skulptur eine enorme Plastizität. Beim Umschreiten der Skulptur und des Wasserbeckens ergeben sich so für den Betrachter immer neue Perspektiven, die durch das Wasserspiel und das lichtleitende PVC unterstützt werden. Wichtiger ist allerdings, dass diese Form der Engelsdarstellung eine Anspielung auf die Theophanie (drei Engel) des Abrahams bei Mamre ist . In der Erzählung von Gen 18, 1-15 geht es, wie auch beim Bethesdaereignis, zum einem um ein Zusage Gottes an den Menschen, hier die Zusage an Abraham und Sarah, dass sie noch im hohen Alter einen Nachkommen haben werden, dass sie in ihren Nachkommen weiterleben werden. Zum anderen kommt es wie bei Abraham und Sarah auch beim gelähmten Mann zu einer Gottesbegegnung, die das Leben der betreffenden Menschen nachhaltig verändert.

Der kümmernde Jesus

Wenn man diese Legende vom Bethesda liest, dann drängt sich direkt die Frage auf: Was ist das für ein Gott, der nur dem Ersten, dem Schnellsten, der ins Wasser steigt und/oder gebracht wird hilft? Da liegt ein offensichtlich schwerkranker Mensch seit 38 Jahren an diesen Teichen die übersetzt „Haus der Gnade; oder Stätte der Barmherzigkeit” heißen. Ob dieser Menschen den Ort wirklich als Stätte der Barmherzigkeit erlebt ist doch mehr als fraglich: Immerzu musste er mit ansehen, wie andere vor ihm ins Wasser kamen und geheilt wurden. 38 Jahre lang. Er war ergo nicht nur krank – er war auch noch allein! „Ich habe keinen Menschen“ – so klagt er.

Offenbar ist seine Krankheit nicht nur etwas, was ausschließlich seinen Körper betrifft: dass er nicht gehen kann. Seine körperliche Krankheit hat als Folge oder Begleiterscheinung einen sozialen Verlust: er ist im Laufe der Zeit, die er da krank liegt an der Stätte der Barmherzigkeit, immer einsamer geworden. Die Menschen haben sich von ihm zurückgezogen. Vielleicht aus Unsicherheit. Was soll man reden mit einem, der so lange krank ist und eine Besserung ist nicht abzusehen? Wie lange hat wohl niemand mit diesem Menschen ganz persönlich gesprochen? Er muss ja wohl schon versorgt worden sein, 38 Jahr lang. Nahm sich aber niemand Zeit, ihm wirklich zu helfen? Mit ihm reden in gleicher Augenhöhe, nicht wie bei einer Visite, wo klar ist, wer stehen kann am Krankenbett und wer liegt?

Und da kommt auf einmal einer, ein Fremder, der sich diesem Mann zuwendet, ihn anschaut, ihn wahrnimmt. Und der fragt: „Willst du gesund werden?“ Als ob der Mann nicht gerade deshalb nach Bethesda gekommen wäre. Und als der Kranke die Schuld den anderen gibt: „Ich habe niemand, der mir hilft ins Wasser zu steigen“ – und nicht sagen kann: Ja, ich will! Da sagt Jesus ganz einfach: Steh auf! Und macht aus dem Objekt des Handelns ein Subjekt, das selber wollen und handeln muss – kann! „Und alsbald ward der Mensch gesund und stand auf und nahm sein Bett und ging.“

Viele Menschen brauchen Medikamente, Apparate und Behandlungen. Aber noch öfters eigentlich braucht es jemanden, der ein Wort findet, das Mut macht, das Kraft und Zuversicht gibt: „Ich habe keinen Menschen.“ Das ist der Schlüsselsatz der Geschichte und gesamten Brunnenskulptur: Krankheit, Altwerden bzw. Altsein, die Erfahrung von Verlusten, das macht einsam – es tut gut, wenn ein Mensch sich Zeit nimmt für einen anderen. In der Begegnung/Beziehung mit Menschen begegnet uns Gott. In der Begegnung scheint, durch menschliche Nähe und Liebe, Gottes Liebe durch.

Bethesda heute

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Der Ausspruch Paul Klees aus dem Jahr 1920 wird immer wieder, und zurecht, als besonders aussagekräftig für die Entwicklung künstlerischer Prozesse und Ausdrucksformen zeitgenössischer Kunst herangezogen und ist insbesondere heute aktuell. Die Installation möchte, dass die Besucher sich mit der Aussage der Skulptur auseinander setzten. Sie sollen nicht nur betrachten und die Wirkung von Licht und Musik genießen. Sie sollen sich damit auseinander setzen, dass es wichtig ist, dass man Menschen, vor allem kranken und/oder alten Menschen Zeit und Aufmerksamkeit schenkt. So wie es Rudolf Otto Wiemer schon in der Überschrift seines bekannten Gedichtes schrieb: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.“ Deshalb werden während der Installation gestaltete Postkarten kostenlos an die Besucher verteilt auf denen sie einem anderen Menschen ein „Zeit-Geschenk“ eintragen und überreichen können.

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