Projekte

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel

2008 - Stephansdom, Wien

„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel“

Gesichter – Landschaften der Seele: Jeder Mensch kann für jemanden zum Engel werden

Seit Menschengedenken haben Engel Künstler inspiriert. Die ersten Abbildungen eines Engels datierten Archäologen in die Zeit zwischen 2500 und 1000 v. Chr. nach Babylon. Andere Darstellungen gehen noch weiter zurück und verweisen auf Engel im ägyptischen Götterpantheon und auf geflügelte Wesen, die man, in Felsen gemeißelt, in Mesopotamien und Assyrien fand.

In der Metropolitan-, Dom- und Pfarrkirche zum Hl. Stephanus und Allen Heiligen; Bischofskirche der Erzdiözese Wien wird zur „Langen Nacht der Kirchen 2008“ und für den Zeitraum der Fußballeuropameisterschaft eine vierzehn Meter hohe und ca. neunzig Meter lange Engelskulptur, bestehend aus Aluminium und Tuch, installiert. Die Figur, ausgehend vom Hochaltar, umfängt behütend und tröstend die Besucher des Doms mit seinen Schwingen. Auf die Schwingen werden schwarz-weiß Portraitfotografien im stetigen Wechsel projektiert.

Im Buch der Psalmen steht:

„Denn Gott hat seine Engel ausgesandt, damit sie dich schützen, wohin du auch gehst.
 Sie werden dich auf Händen tragen, und du wirst dich nicht einmal an einem Stein verletzen!“


Gott sendet seine Engel zum Schutz der Menschen. In der Bibel sind sie die Boten Gottes, sie sind einerseits die „Boten“, die uns Gott nahe bringen und uns die helfende und heilsame Nähe Gottes zeigen. Zugleich haben sie aber auch die „Funktion“, die Distanz zwischen Mensch und Gott zu zeigen. Aber auch in der Begegnung/Beziehung mit Menschen begegnet uns Gott, weil er, der Schöpfer, sie in ihrer Einmaligkeit geschaffen und gewollt hat; und weil durch menschliche Nähe und Liebe Gottes Liebe durchscheint. Zugleich ist aber auch deutlich, dass dies immer eine, für unsere Erfahrung „vermittelte“ Nähe und Liebe ist: eben durch Engel und Menschen vermittelt.

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
Sie gehen leise und müssen nicht schrein,
Oft sind die alt und hässlich und klein, die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
Oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht, 
Er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht, der Engel.
Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel,
Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.

Rudolf Otto Wiemer

„Gesichter- Landschaften der Seele: Jeder Mensch ein Gedanke Gottes“


Unter diesem Thema greift die Installation das aktuelle Thema der Menschenwürde auf und führt es mit dem biblischen „Gottes Ebenbild“ auf die spirituellen Wurzeln des abendländischen Menschenbildes zurück. Das Projekt möchte bei den Besuchern den heiligen, unantastbaren Kern der eigenen Person ins Bewusstsein rufen und die daraus resultierende Unantastbarkeit der Menschenwürde jedes einzelnen. Im ersten Schöpfungsbericht (Gen 1,1 – 2,4a) wird der Mensch ausdrücklich als Ebenbild Gottes bezeichnet. Das bedeutet nach damaligem Verständnis: Der Mensch soll in der von Gott geschaffenen Welt Gottes Vertreter sein und darin in seinem Sinne und Auftrag Herrschaft ausüben. Das Wesen des Menschen ist von Gottes Geist und Willen bestimmt. Als Abbild Gottes hat der Mensch zu Gott eine besondere Verbindung – auch nach der Vertreibung aus dem Paradies, denn von einem Verlust der Ebenbildlichkeit durch den Sündenfall ist im Alten Testament nichts ausgesagt.

Für Christen wurzelt die Menschenwürde zwar nicht ausschließlich, aber doch wesentlich in der Gottebenbildlichkeit. Das Leben und die einzigartige Würde des Menschen werden als Gottes unantastbare Gaben angesehen und geachtet. Der Mensch verdankt sein Sein als Person der vorbehaltlosen Anerkennung durch Gott, die zur wechselseitigen Anerkennung der Menschen untereinander verpflichtet. In christlicher Sicht verdankt sich personales Sein der schöpferischen Kraft der Liebe Gottes, die sich den Menschen zum personalen Gegenüber erschafft, und zwar in jedem neuen Werden eines Menschen. Tatsache ist allerdings, dass der Mensch seine Gottebenbildlichkeit bei sich selbst und anderen nur wenig und manchmal gar nicht wahrnimmt; vielmehr scheint sein Aussehen und Verhalten dieser Behauptung sehr oft geradezu zu widersprechen; z. B. wenn er andere foltert, mordet, Kriege führt, die Umwelt und auch sich selbst mutwillig zerstört.


Die meisten Theologen und Philosophen halten heute den Tatbestand der Vernunft, die als eine notwendige Voraussetzung zur Unterscheidung von Gut und Böse gilt, für ein unverzichtbares Kriterium der Ebenbildlichkeit. So z.B. der Heidelberger Theologe Prof. Dr. Gerd Theißen,  der sowohl die Vernunft als auch die Freiheit (der Entscheidungsmöglichkeit) als unabdingbare Kriterien der Ebenbildlichkeit anführt. Philosophisch wird auch der Begriff der Selbstachtung eingebracht. Die unauflösliche Einheit von Menschenwürde und Vernunft, Entscheidungsfreiheit sowie Selbstachtung trifft wohl im Regelfall zu, eine kategorial unbedingte Verbindung zwischen ihnen besteht jedoch nicht. Da beispielsweise einem Säugling, einem Komapatienten oder einem geistig Schwerstbehinderten, geschweige denn einem Embryo, nicht das gleiche Maß an Entscheidungsfreiheit oder Inanspruchnahme von Selbstachtung zukommen kann wie einem nicht beeinträchtigten Erwachsenen, muss es logischerweise verschiedene Phasen bzw. Stadien bei der Umsetzung der Menschenwürdekriterien geben. 
Im Neuen Testament wird nur Christus als Ebenbild Gottes bezeichnet (Heb 3 / 2. Kor 4,4); der Mensch wird (wieder) Bild Gottes, wenn er Christus nachfolgt, d.h. ihm ähnlich wird (2. Kor 3,8).  Die Gottebenbildlichkeit des Menschen lässt sich also nur durch den Glauben wahrnehmen und wahr machen.

Darin liegen Chance und Herausforderung zugleich:

Wer damit rechnet, wird den Menschen nicht nur aus sich selbst heraus und nach seinem Aussehen und Verhalten bewerten, sondern nach mehr fragen. Aber auch Menschen, die nicht an Gott glauben, können auf die in dem Glaubenssatz vom “Ebenbild” liegende Frage eingehen: Gibt es eigentlich noch eine andere Wirklichkeit als die des Menschen selbst und seiner Umwelt, von der her er sich und andere verstehen und bewerten kann? Der Glaube an die Gottebenbildlichkeit des Menschen hat jedenfalls ganz praktische Auswirkungen. So soll der jüdische Rabbi Hillel einmal das Baden als gutes Werk bezeichnet haben, da er mit seinem Körper ja das Ebenbild Gottes pflege. Wer so im Umgang mit sich selber denkt, wird das Ebenbild Gottes auch in anderen Menschen sehen.

Im Juli 2006 haben sich 100 Menschen in Aachen und im April 2008 100 Menschen in Wien von der Fotografin Simone Verfürth für diese Installation fotografieren lassen.

Das Gesicht eines Menschen wird geprägt durch seine Umwelt, seine Lebensbedingungen, durch sein Alter und durch Erfahrungen. Sowohl Freude, als auch Leid: nirgends lassen sich solch elementare Erfahrungen besser ablesen als im Gesicht eines Menschen. Das Gesicht ist ebenso wie der Fingerabdruck einzigartig, individuell und drückt die Einzigartigkeit des
Geschöpfes Mensch aus. Eben ein ganz besonderer Gedanke Gottes. Die frontalen schwarz-weiß Portraitfotografien (vom Kind bis zum Greis) werden überdimensional auf die zehn Engelsschwingen des Skulptur im Kirchenraum projiziert. Dabei erhält das vielfach missbrauchte Abbild im Kontext des Kirchenraumes und der Skulptur vor Gott seine Authentizität zurück und entfaltet in der Schlichtheit der Mittel seine Wirkung als „Landschaft der Seele“.

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