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Evangeliar

2013 - St. Magdalena, Herzogenaurach

Das Sankt Magdalenenevangeliar zu Herzogenaurach

von Künstler Stefan W. Knor

Ein Evangeliar ist ein oft sehr kunstvoll gestaltetes, liturgisches Buch, das die Texte der vier Evangelien des Neuen Testamentes für die Heilige Messe enthält.

Der Grund für die kunstvollen und oft aufwändigen, kostbar gestalteten Einbände dieses Buches ist: die besondere Bedeutung und Wertschätzung der enthaltenen Texte wieder zu spiegeln – es ist die Offenbarung Gottes an den Menschen – Gott zeigt sich, er erzählt quasi von sich selbst durch Jesus Christus in diesen Texten und bildet so das eine Zentrum der Heiligen Messe neben der Eucharistiefeier: die Verkündung des Wortes Gottes an den Menschen vom Tisch des Wortes (Ambo) aus.

Das neue gestaltete Evangeliar, die zwei Buchdeckel für die St. Magdalena Gemeinde zu Herzogenaurach, bestehen aus einer besonderen Bronzelegierung, die im Licht leicht changiert von Braun- bis hin zu Goldtönen und somit eine Einheit zum bronzenen Ambo und Altar in der Kirche bildet.

Die Grundstruktur beider Buchdeckel bilden feine fließende Relief-Linien (Haare) und sollen so an die Patroninn der Gemeinde erinnern: Maria Magdalena.

Ihre ikonographischen Heiligenattribute sind Salbentiegel und prächtige Kleidung. Entsprechend der Tradition, Maria Magdalena mit der Sünderin, die Jesus die Füße salbt, gleichzusetzen, wird sie immer wieder mit wallendem, offenen Haar (als Kennzeichen einer Prostituierten)

dargestellt.

Auf der Vorderseite ist ein schlichtes goldenes Kreuz zu sehen, welches das Quadrat der zeitgenössisch abstrakten Evangelisten-Symbole durchbricht. In dem Quadrat, in vier Kreisen wird jeweils ein Evangelist durch ein Bild, wie ein Art Inhaltsangabe, symbolisch gezeigt (von links nach rechts/von oben nach unten): Matthäus, Markus, Lukas und Johannes die als Autoren der vier biblischen Evangelien gelten, werden in der christlichen Ikonografie seit dem 4. Jahrhundert durch vier geflügelte Symbole dargestellt. Die Zuordnung seither lautet: Ein Mensch versinnbildlicht Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas und der Adler Johannes.

Die Symbole gehen zurück auf Visionen aus dem Buch des Propheten Ezechiel im Alten Testament, vornehmlich auf die im 1. Kapitel:

„Ich sah: Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben von einem hellen Schein. Aus dem Feuer strahlte es wie glänzendes Gold. Mitten darin erschien etwas wie vier Lebewesen. Und das war ihre Gestalt: Sie sahen aus wie Menschen. Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter und vier Flügel. [Auch Gesichter und Flügel hatten die vier.] ... Und ihre Gesichter sahen so aus: Ein Menschengesicht (blickte bei allen vier nach vorn), ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier (nach hinten).“ (Ez 1,4–10)

Die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament nimmt die Thronvisionen aus Ezechiel und aus Jesaja 6,2 auf, komponiert sie zu einer neuen Vision und begründet so die christliche Tradition. In der Offenbarung des Johannes erscheinen nicht menschenähnliche Viergesichter, sondern vier einzelne Wesen, die mit ihrer ganzen Gestalt wie folgt verglichen werden:

„Und vor dem Thron war etwas wie ein gläsernes Meer, gleich Kristall. Und in der Mitte, rings um den Thron, waren vier Lebewesen voller Augen, vorn und hinten. Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler. Und jedes der vier Lebewesen hatte sechs Flügel, außen und innen voller Augen.“ (Offb 4,6-8)

Die Entwicklung von Symbolen als Kennzeichen für vier bestimmte Evangelien geht auf die Kirchenväter zurück. Diese bemühen sich zu erklären, warum die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – und nicht die vielen anderen – als göttliche Offenbarung zu verstehen sind. Die Kirchenväter erkannten die vier Schriften in den vier Gesichtern jener Wesen wieder, die in der unmittelbaren Gegenwart Gottes beheimatet sind. Wie diese waren sie zu viert, zwar verschieden, aber wesensgleich

Die Rückseite zeigt, wieder in einem Quadrat umfangen, einen schlichten Salböltiegel, eine Salbölamphore, wie oben schon erwähnt, eines der Symbole/Heiligenattriute für die Hl. Maria Magdalena.

Dieses, sowohl in seiner Materialität als auch in seiner Symbolsprache sehr schlichte Evangeliar mit den gestalterischen Elementen: Haar-Relief, Kreuz, Evangelistensymbole und Salbölamphore soll ein zeitgenössischer Beitrag zur Liturgiegestaltung sein. Es will auf die Schönheit, auf die ergreifende Schlichtheit des Inhaltes – dem Wort Gottes – verwiesen und diesem im wahrsten Sinne des Wortes „Gewicht“ verleihen.

  • Die künstlerische Gestaltung der bronzenen Vorder- und Rückseite dieses Unikats stammt von Stefan W. Knor.
  • Gebunden wurde das Evangeliar von Glorya Geinzer. Die Finanzierung wurde über Spenden ermöglicht.
  • Stefan W. Knor ist vielen Herzogenaurachern schon bekannt durch seine Installation "Pietá - Getragen im Leid" im November 2011 in der Stadtpfarrkirche St. Magdalena.

Quelle: Erzbistum Bamberg

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