Projekte

Getragen im Leid

2011 - Salzburger Dom, Salzburg

Das Pieta-Projekt „Getragen im Leid“

im Salzburger Dom 2011

Der unterfränkische Künstler Balthasar Schmitt (1858–1942) schuf 1904 eine farbig gefasste, in Anlehnung an den florentinischen Frührenaissancestil erstellte, überlebensgroße Pieta für die St. Paul Kirche in München. Dargestellt ist eine aufrecht sitzende Gottesmutter mit ihrem toten Sohn auf dem Schoss. Der Kopf Jesus wird durch einen weinenden Engel gestützt. Schmitt schrieb dazu: „Maria hält sitzend den Leichnam Jesu in ihrem Schoss. Durchdrungen von den Gedanken an die Sendungen des Erlösungswerkes hat sie das Weh des Mutterherzens überwunden und sich zur erhabenen Ruhe empor gerungen. Das weinende Mitleid symbolisiert die Engelsfigur, welche das Haupt Jesu stützt.“

Diese Skulptur wurde 1986 infolge eines, durch unsachgemäßes Aufstellen von Opferkerzen eines Kirchenbesuchers verursachten massiven Brandschadens, wobei die gesamte Oberfläche der Pieta zum Teil sehr stark verkohlte bzw. verbrannte, durch eine Kopie ersetzt. Für die Erstellung der Kopie wurde auf das verbrannte Original eine Art Modelliermasse aufgetragen, die die vollends zerstörten Gesichtskonturen ersetzen sollten; weiterhin waren ca. 300 Reißzwecken angebracht worden, um Markierungspunkte zu schaffen. Nach der Erstellung der Kopie wurde die Skulptur in diesem Zustand auf dem Dachboden der Paulskirche eingelagert und geriet dort in Vergessenheit. Bei den Aufbauarbeiten für eine Licht- und Kunstinstallation zur „Langen Nacht der Museen“ im Jahre 2009 entdeckte ich dort diese vergessene Pieta. Inspiriert durch die enorme Ausstrahlungskraft dieses stark beschädigten Kunstwerks wurde meinerseits ein Projektkonzept erstellt und entsprechenden Gremien vorgelegt mit dem Ergebnis, dass mir die Erzdiözese München und Freising und die St. Paul Gemeinde freundlicherweise diese Pieta als Dauerleihgabe für meine künstlerische Arbeit zur Verfügung stellten. Daraufhin wurde die Skulptur in den Kirchenraum von St. Thomas, dem Exerzitienhauses des Bistums Trier im Ort St. Thomas (Eifel), in eine Kapellennische mit Phönixfenster transportiert und aufgestellt.

Mein Anliegen war es nicht, die Schmittsche Pieta zu restaurieren, sondern sie in einem ersten Schritt von allen früheren Nachbearbeitungen im Zusammenhang mit der Erstellung der Kopie zu befreien; d.h. die Modelliermasse wurde vorsichtig abgetragen, die Reißzwecken wurden entfernt und die verkohlte Oberfläche wurde fixiert. Der zweite Schritt war die künstlerische Bearbeitung mit partiell aufgebrachten 24-karätigem Blattgold, um auf diese Weise ein neues zeitgenössisches Kunstwerk mit einer ganz besonderen Ausstrahlung und Aussagekraft zu schaffen. 

Schwarz und Goldfarben – Tod und Leben – Bruch und Geborgenheit

Ingrid Riedel führt in ihrem Buch „Farben“ verschiedene Assoziationen zu Schwarz auf, die von ihr befragte Studenten äußerten: „Nacht, Finsternis und Schatten wurden […] als erstes genannt. Höhle, Abgrund, Tiefe und Tod folgten. Weitere Assoziationen waren: Kohle, Verkohltes, verbranntes und Erloschenes [...].“ Interpretierend führt sie dazu weiter aus: „Alles dies hat seine Schwärze durch die Berührung mit dem Feuer bekommen. [...] Als Trauerfarbe steht Schwarz, anders als die Lichtfarbe Weiß, die Hoffnung signalisiert, dem resignierenden Schmerz nahe. Als Farbe der Nacht hat es teil an dem Symbolkomplex: Mutter – Fruchtbarkeit – Geheimnis – Tod. Auch das Erlebnis des Verkohlens durch den Verbrennungsprozess gehört zu den Urerfahrungen mit der Farbe Schwarz: die Schwärzung der Stoffe im Feuer. Realistisch und symbolisch beschäftigt sich die Alchemie, die Läuterungs-Kunst der Antike und des Mittelalters, mit solchen Wandlungsprozessen der Materie, die auch psychische Entsprechungen haben.“

Goethe spricht in seiner Farbenlehre von einem Wandlungsgeheimnis des Schwarzen: „Das Schwarz entspringt uns nicht so uranfänglich wie das Weiß. Wir treffen es im vegetabilischen Reiche bei Halbverbrennungen an, und die Kohle, deren auch übrigens höchst merkwürdiger Körper, zeigt die schwarze Farbe. Auch wenn Holz zum Beispiel Bretter, durch Licht, Luft und Feuchtigkeit seines Brennlichen zum Teil beraubt wird, so erscheint erst die genaue, dann die schwarze Farbe.“

Der jüdische Dichter Paul Celan schließlich, der die Schrecken der Judenverfolgung im Dritten Reich erlebte, findet im Schwarzen eine Verbindung mit dem Dreiklang: Tod, Nacht und Liebe wie im Anfang seines Gedichts „Lied in der Wüste“: „Ein Kranz ward gewunden aus schwärzlichem Laub in der Gegend von Akra:/ dort riß ich den Rappen herum und stach nach dem Tod mit dem Degen./ Auch trank ich aus hölzernen Schalen die Asche der Brunnen von Akra/ und zog mit gefälltem Visier den Trümmern der Himmel entgegen [...].“

Oder am Anfang seines Gedichtes „Chymisch“: „Schweigen, wie Gold gekocht, in verkohlten Händen [...].“

Im Kontrast zum Schwarzen steht das Gold. Auch hier sind die Beobachtungen Ingrid Riedels erhellend: „Gold ist eine Lichtwirkung, ein Glanz, mit nichts anderem als mit sich selbst zu vergleichen, allenfalls mit dem Lichtspiel der Sonne selbst, [...] Gold: das ist im eigentlichen Sinne kein Glanz, ist nichts Grelles, sondern ein milder, weicher Schimmer, der Lichtschimmer eines Edelmetalls. Er ist zudem der warmen Farbe Goldgelb nahe benachbart, der Farbe der Zugewandtheit, auch der Reife, der Erfüllung. Immer hat Gold etwas Sonnenhaftes an sich und ist deshalb der Licht- und Erleuchtungssymbolik, aber auch der mütterlichen Wärme des Lebens verbunden.“

Gold ist die Farbe Gottes, des Göttlichen, des Himmlischen. Gold im Kontext der hier vorgestellten Pieta zeigt eine Ahnung von der Gegenwart Gottes im Zerstörten, im Leid, im Tod; die Spannung des Lebens in Freude und Trauer, in Hoffnung und Angst. Diese Spannung ist ernst und umfangen vom Glanz des Gottes, der sie in Jesus sich zueigen macht. Wie schriftliche und mündliche Rückmeldungen deutlich machen, werden solche Assoziationen spontan und unmittelbar bei den Betrachtern dieser Pieta hervorgerufen.

Die vergoldeten Flächen sind so angebracht worden, als würde die Skulptur vom Betrachter aus gesehen von rechts oben beleuchtet werden. Dieser Effekt wird durch entsprechende Beleuchtung unterstützt und bringt so einen enormen Glanz auf die Pieta, unterstützt den Kontrast von Verkohltem und Goldenem: So wird das Licht zu einem weiteren wesentlichen Faktor dieser Skulptur.

Das Licht wurde immer schon als Transmitter zwischen Transzendenz und Immanenz verstanden. „Weil Licht zunächst nur Expansion aus sich ist, braucht es die Brechung am Weltwiderstand, um sich an diesem zu reflektieren und um aus der Selbstferne zu sich selbst zurückzukehren. Die Leidensgeschichte des weltfremden Lichts im Nicht-Licht ist – von den spätantiken Gnostikern bis zu Hegel – die Bedingung dafür, dass das heimgekehrte Licht sich zuletzt in sich selbst reflektiert und weiß.“

Das Licht - Spiegelfläche für die eigene im inneren liegende Situation des Betrachters, die dieser zur Pieta mitbringt und welche durch die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk in Bewegung gerät.

Die Skulptur und ihre Präsentation bilden ein Gesamtkunstwerk. Die Pieta ruht auf einer Plexiglasplatte, welche an den vier Eckpunkten in ein schwarzes Traversensystem aufgehängt werden kann. Durch diese besondere Art der Aufhängung an vier dünnen Stahlseiten ca. 65 cm über dem Boden wird der Titel des Projektes „Getragen im Leid“ im Hinblick auf die Pieta selber sinnenhaft vergegenwärtigt. In Kirchenräumen, wo aus Platzgründen dies nicht möglich ist, ruht die Plexiglasplatte mit der Skulptur auf einem ca. 40 cm hohen Sockel. Zwei weitere Komponenten kommen hinzu: die Möglichkeit, in unmittelbarer Nähe Kerzenaufstellen zu können, und eine alte hölzerne Kiste, in welche die Besucher ihre schriftlich verfassten Gebetesanliegen anonym hinein geben können. Derzeit befinden sich schon weit mehr als 5000 Gebetszettel in dieser Kiste, die zu allen Installationen mitreist. Alle Gebetsanliegen werden zu einem späteren Zeitpunkt dauerhaft im Hohlraum der Pieta untergebracht werden.

Die Pieta als Spiegel des Lebens

Der Theologe Paul Gräbe sagte einmal: „Kunst steht nicht für etwas, was genauso gut in Sprache gefasste werden kann!“ Kunst geht über die Sprache hinaus. Deshalb kann Kunst auch manchmal sprachlos machen. „Manchmal aber gibt gerade dieses Werk dem eine Sprache, was Menschen bisher nicht auszusprechen vermochten, z.B. eine feststeckende Trauer um die Mutter oder um ein Kind.“

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst Christi; darf man in Abwandlung der berühmten Anfangsworte von „Gaudium et Spes“, der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils, sagen. Eben dies können Menschen bei der Betrachtung dieses Kunstwerks als eines Spiegels des Lebens, unseres Lebens, erfahren. „Diese Pieta, diese schmerzhaft Mutter, sie bringt das zur Sprache, was viele, vielleicht wir alle erfahren und spüren: das Leben ist nicht einfach so Leben. Leben ist Spannung, ist Gegensätzlichkeit, ist Bruch und Geborgensein.“

 Die Skulptur in ihrem „verbrannten“ Zustand hat eine so menschliche und verwundbare Komponente, dass sie Menschen an ihr eigenes Leid erinnert. Gleichzeitig strahlt sie eine inneres Zur-Ruhe-Gekommensein, eine vertrauende Ergebung aus, die hoffen lässt, dass Gott alle Gebete, Wünsche und Sehnsüchte annimmt. „Hier in der Pieta finden wir sie wieder, gleichsam als Spiegel unserer Kirchensituation: angekratzt, im Zerstörungsprozess, durch die Läufe der Zeit, durch die eigene Schwäche und Sünde. Diese Pieta ist Spiegel unserer Weltsituation. Sie ist nicht strahlender Triumph. Es ist ein beschädigtes Bild, das aber im Ernstnehmen dieser Situation, im Annehmen, im Wahrnehmen dessen, was ist wie es ist, den Glanz göttlicher Gegenwart erhält. Gott ist da! Gott erfahren wir in der Gegenwart! Im Gegenwärtigsein dessen, was ist!“

Die zeitgenössisch bearbeitete Skulptur soll in den kommenden Jahren in verschiedenen Kirchen im Rahmen von unterschiedlichen Licht- und Kunstinstallationen ausgestellt werden. Den Anfang machte die St. Foillan-Kirche in Aachen zur zehnten „Nacht der offenen Kirchen“ am 01. Oktober 2010. Anschließend war die Pieta in St. Urbanus in Birgden zur Adventzeit 2010 und in St. Regina, Drensteinfurt, zur Fastenzeit 2011, verbunden mit einer Licht- und Verhüllungsinstallation. Im September 2011 wird die Pieta im Salzburger Dom zu sehen sein. Gerne können sich noch weitere Kirchen darum bewerben, der Skulptur eine Zeit lang als Aufstellungsort zu dienen. Zwischen den Installationen ist die Pieta in der Kirche des Exerzitienhauses des Bistums Trier in St. Thomas öffentlich zu besichtigen. Gefördert wurde dieses Projekt durch die Victor F. Rolff-Stiftung.

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