Projekte

Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr

2005 - Bonner Münster, Bonn

Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr

Die Idee

Viele, vor allem junge Menschen, aus Bonn und Umgebung haben sich auf den Weg zum Bonner Münster gemacht. Und stellen sie sich einmal vor, es ist Samstagnacht 22.00 Uhr. In der Bonner Innenstadt sind unzählige Menschen unterwegs, die gezielt zum Bonner Münster gekommen sind oder in der Innenstadt ihre Freizeit verbringen wollen. Sie bleiben vor den offenen Türen des Münsters stehen und sehen den leer geräumten Kirchenraum in verschiedenen zur Musik wechselnden Farben illuminiert. Musik dringt bis auf die Straße. Tausend kleine brennende Lichter, die von Besuchern am Schrein der Stadtpatrone aufgestellt wurden, und der effektvoll ausgeleuchtete Kirchenraum zieht sie in das Innere. Sie treten ein. Musik umhüllt sie sofort mit sanften und meditativen Klängen. Der ganze Kirchenraum ist in Licht getaucht und überall brennen Kerzen. Sie hören die Musik. Jetzt erst entdecken sie die vielen Menschen, die still im Kirchenraum sitzen und Licht und Musik auf sich wirken lassen. Sie nehmen Platz und tauchen ein in Licht und Klang. Die Lichter und die Musik nehmen sie mit auf den Weg, neue Formen der Anbetung, der Gotteserfahrung und der Spiritualität können entstehen.

Das Ziel

Für den Zeitraum vom 12. bis 13. August soll für die Besucher, im von der Bestuhlung befreiten Münster, durch das Eintreten in Licht und Musik ein positives und spirituelles Erlebnis eröffnet werden.
Die Installation will mit diesem Beitrag am Vorabend des Weltjugendtages den Gästen und den Menschen in der Innenstadt einen niederschwelligen, unmittelbaren und zeitgemäßen Zugang zu einer Grundaussage unserer christlichen Botschaft bieten:

Es gibt einen, der dich liebt, wie du bist: Gott. Bei ihm darfst du ganz du selber sein und auf ihn darfst du hoffen. Vor ihm darfst du dich vergessen, alte Wege verlassen und neu beginnen. Er schenkt dir Räume und Begegnungen, in denen du neue Hoffnung und neue Perspektiven für dein Leben entdecken kannst. Er schenkt dir den wahren Frieden für dein Leben, er führt dich zu neuer Lebendigkeit und zur Fülle deiner Möglichkeiten. (…ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Joh 10,10) – Wo wir Menschen das erfahren, da spüren wir: hier berühren sich Himmel und Erde! Da ist Kirche mitten unter uns Menschen, da sind wir Kirche. Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr. .

Angesprochen durch die ganz unmittelbaren Reize von Klang und Licht sollen die Besucher den Raum des Bonner Münsters als einen solchen Kristallisationspunkt erleben, in dem sich Himmel und Erde berühren und wo dort sich im eigentlichen Sinn Kirche bildet und entsteht.

Kirchen

Kirchen stellen gerade im geschäftigen Umfeld von Städten, aber auch auf dem Land Freiräume des Menschseins dar. Sie werden bewusst als „Gotteshaus“ der Verzweckung durch den Menschen ausgespart, damit die Menschen dort einen Raum finden, um wieder mit sich selbst und dem Urgrund ihres Seins – mit Gott – in Kontakt zu kommen. Es sind deshalb heilige Orte in einem ganz aktuellen Sinn. Sie bieten Möglichkeiten für die Menschen: zur Ruhe kommen, sich konzentrieren, Geborgenheit, Schutz und Segen erfahren und haben damit eine heilsame Wirkung auf die Menschen. Kirchen haben eine über 1700jährige Geschichte als heilsamer Ort für die Menschheit. Bis heute sind sie ein lebendiger Versammlungsort für die Feier der hl. Messe und werden von Betern frequentiert, die Kerzen entzünden, die vor den Andachtsbildern beten oder im weiten Kirchenschiff ihre Ruhe finden.

Neben diesen traditionellen Formen der Erfahrung, dass sich hier am Ort Himmel und Erde berühren können, soll versucht werden durch diese Installation, neue Formen spiritueller Erfahrung zu finden ganz im Sinne der Akkommodation des Konzilstextes Sacrosanctum Concilium (SC 38/39).

Da es sich bei der Installation nicht um ein Spektakel handelt, das den Kirchenraum nur als Baukörper benutzt, sondern ihn von seinem Wesen und seiner Bestimmung her aufgreift und diese Intention in neue Medien und Formen überträgt und fortführt, bleiben alle wesentlichen Elemente dieses heiligen Raumes unangetastet. Aus diesem Grund sollten auch die konsekrierten Hostien an ihrem Ort im Tabernakel bleiben. Ein Räumen des Tabernakels wäre sogar kontraproduktiv, da damit eine vermutete Unvereinbarkeit der Installation an diesem Ort eingestanden würde. Stattdessen versucht die Installation, den Ort des Tabernakels in das Gesamtkonzept zu integrieren. Die Präsenz Gottes im geheiligten Brot während der Installation ist Ausdruck der Überzeugung, dass die Inkarnation Gottes kein geschichtlich abgeschlossenes Ereignis ist, sondern ein dynamischer Prozess, der sich fortwährend in seiner Kirche und ihren Lebensäußerungen vollzieht. So auch in ihren aktuellen Bemühungen, die Botschaft vom befreienden Gott mit den zeitgemäßen Medien in einer solchen Installation erfahrbar zu machen. Der Gebrauch von Licht und Musik vermeidet die Reduktion auf eine einzige Kommunikationssituation und ermöglicht so unterschiedliche Kommunikationsformen für die communio von Gott und Mensch. Durch die Kombination so verschiedener Medien wird eine heilsame Wirkung des Sakralraums auf den Besucher erstrebt, was der Urintention sakraler Räume entspricht.

„Dabei kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der liturgische Raum den Glauben prägt und diesen Glauben durch seine Gestaltung zum Ausdruck bringt. […] Der Kirchenraum prägt tiefer und unauffälliger das Glaubensbewusstsein einer Gemeinde als das Wort der Verkündigung. Deswegen halte ich es für eine ungeheure seelsorgerische Verantwortung, einen Kirchenraum zu gestalten. […] Die Raumgestaltung ist zudem Ausdruck des Selbstverständnisses von Gemeinde und Kirche, Spiegelbild eines ganz bestimmten Kirchenverständnis, einer ganz bestimmten Ekklesiologie“

Die Bedeutung des Kirchenraumes

Gottes Wohnen unter den Menschen ist ein altes Motiv jüdisch-christlicher Tradition. Gott selbst ist dabei der Handelnde: „An jedem Ort, an dem ich meinem Namen ein Gedächtnis stifte, will ich zu dir kommen und dich segnen.“ (Ex 20,24) Im Buch Deuteronomium wird angeordnet, dass Israel nur eine einzige Kultstätte haben soll, die Gott selbst auswählt, „indem er dort seinen Namen anbringt.“ (Dtn 12,5) Die Anbringung des Namens an einem Ort war im Alten Orient Zeichen der Besitzergreifung und der Herrschaft. Dies drückt auch der Ausdruck „seinen Namen an einem Ort wohnen lassen“ aus. Beide Wendungen werden in den deuteronomischen Gesetzen nebeneinander gebraucht. Die Rede vom Wohnenlassen des Namens (vgl. Dtn 12,11; 14,23; 16,2.6.11; 26,2) wehrt zugleich die Vorstellung ab, Gott selbst wohne im Tempel; im Tempel wohnt nur Gottes Name. Gott selbst wohnt im Himmel (vgl. Dtn 26,15). Im Buch Lievitikus ist der Bund Gottes mit seinem Volk gegründet im Wohnen Gottes: „Ich schlage meine Wohnstätte in eurer Mitte auf und habe gegen euch keine Abneigung. Ich gehe in eurer Mitte; ich bin euer Gott, und ihr seid mein Volk.“ (Lev 26,11f)

„Die Propheten üben z.T. Kritik an allzu menschlichen Vorstellungen von Gottes Wohnen z.B. Jes 66,1f: „So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was wäre das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet? Was wäre das für ein Ort, an dem ich ausruhen könnte? Denn all das hat meine Hand gemacht; es gehört mir ja schon – Spruch des Herrn. Ich blicke auf den Armen und Zerknirschten und auf den, der zittert vor meinem Wort.“ „Nicht das Haus Gottes ist entscheidend, sondern die Beziehung des Menschen zu ihm und die Haltung, mit der ihm der Mensch begegnet.“

Diese Tradition wird im Neuen Testament aufgegriffen und zugespitzt. So heißt es bei Paulus: „Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr“ (1 Kor 3,16), und im 2. Korintherbrief unterstreicht er kämpferisch: „Wir sind doch der Tempel des lebendigen Gottes; denn Gott hat gesprochen: Ich will unter ihnen wohnen und mit ihnen gehen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.“ (2 Kor 6,16) [Man bedenke, dass dies Paulus zu einer Zeit schreibt, in der der Tempel in Jerusalem noch nicht zerstört ist!] Paulus zitiert hier das Buch Levitikus 26,11f und überträgt damit die Bundesaussage an Israel auf die christliche Gemeinde. Der Epheserbrief wendet das Bild christologisch: „Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.“ (Eph 2,20-22) Die Gemeinde bzw. die Kirche wird zum Tempel, zur Wohnung Gottes unter den Menschen.

Mit dem Bild vom neuen Jerusalem erhält das endgültige Wohnen Gottes unter den Menschen (mit den entsprechenden heilbringenden und erlösenden Folgen) eschatologischen Charakter: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen […] Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Offb 21,2-4)

Vor allem in der spirituellen Tradition der Kirche wird das im Neuen Testament begründete Bild von der Gemeinde als Wohnung Gottes unter den Menschen zur Einwohnung Gottes im Menschen weiter entfaltet. Als klassisch können die Bekenntnisse des hl. Augustinus bezeichnet werden: „Spät hab` ich dich geliebt, oh Schönheit, so alt und so neu, spät dich geliebt! Und siehe, drinnen warst du und ich draußen […] Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Du hast gerufen, geschrieen, den Bann meiner Taubheit gebrochen, hast geblitzt, gestrahlt und meine Blindheit verscheucht […] Ich habe dich geschmeckt und hungere und dürste nun. Du hast mich berührt, und ich bin entbrannt in Verlangen nach deinem Frieden.“

Seit der Gründung der Ecclesia ist das Vorrecht des einen Tempels von Jerusalem auf viele übergegangen, denn im Neuen Bund ist durch den inkarnierten Gottessohn die ganze Welt geheiligt. Seine Himmelfahrt entzog ihn zwar dem irdischen Verkehr mit den Menschen, doch unter dem Schleier der Mysterien bleibt er unter den Menschen. Nun soll der lebendige Glauben das ersetzen, was den Sinnen hienieden versagt bleibt. Die Symbolik des alttestamentlichen Tempels als Vorbild und des christlichen Gotteshauses als Erfüllung greift ineinander. Das Bewusstsein vom Wohnen Gottes im Menschen ist eingebettet und wird begleitet von der Feier der Liturgie, vom Gottesdienst in der Gemeinschaft der Gläubigen. M. Josuttis sieht dabei den kultischen Raum als einen umfriedeten Raum zur Begegnung mit Gott, der es ermöglicht, die Ambivalenz der Begegnung mit dem sich offenbarenden und gleichzeitig sich verbergenden Gott, das Beglückende und das Erschreckende, zulassen zu können. Gottesdienst muss die religiöse Dimension in ihrer Vielschichtigkeit offen halten und kann sich selbst nicht in bloßen Belehrungsformen erschöpfen. „Darum lebt der Glaube im christlichen Gottesdienst weder allein noch primär von den Argumenten, denen er selbstredend Raum geben will. Der Gottesdienst verkörpert vielmehr die Autorität jener Geschichte, der sich der Glaube verdankt, und den Raum, in dem man sich auf sie berufen und sie anrufen kann.“

Höchster Zweck des Kirchenraums ist die Darbringung des hl. Opfers und die Versammlung der Gläubigen um den Altar. Darum ist der Altar auf dem sich die Heilige Handlung vollzieht, der geistige Brennpunkt, der die ganze Idee des Gotteshauses in sich trägt, der Pol, um den das Gebäude kreist. Dieses ist nur die Ausstrahlung und Erweiterung des geheiligten Altarraumes, seine Abschließung und Aussonderung von der Welt. „In seiner liturgischen Idee ist das katholische Gotteshaus wesentlich Messopferkirche, die die Gemeinschaft der Gläubigen um den Altar als den geistlichen Mittelpunkt schart. Die geweihte Kirche ist aber bereits vor der Darbringung hl. Opfer und vor der bleibenden eucharistischen Gegenwart Christi im Tabernakel durch ihre Konsekration, die sie im Hinblick auf die hl. Mysterien empfängt, die besondere Stätte der Gegenwart Gottes.“

Die Musik im Zusammenspiel mit dem Licht

Musik wird seit dem Beginn religiöser Handlungen, schon in der Frühgeschichte, als Bindeglied zwischen den Menschen und Gott eingesetzt und genutzt. Sie bildet einen Schwerpunkt in der katholischen Liturgie, und wir befinden uns in der glücklichen Situation auf dem Schatz von über 1000 Jahren „spiritueller“ Musik zurückgreifen zu können, von der Gregorianik bis zu zeitgenössischen Klängen, von Palestrina bis Messiaen, von Bach bis Debussy, von der polyphonen Kantate bis zu Synthesizerklängen.

Es wird bei dieser Installation auf diesen Schatz zurückgegriffen werden und die Klänge aus den verschiedenen Jahrhunderten werden in Licht umgesetzt. Wie die Musik den weiten Kirchenraum erfüllt, so wird auch das Licht den Raum immer neu erlebbar werden lassen. Beide, Musik und Licht, bilden ein harmonisches Ganzes, welche die Besucher berühren und ansprechen sollen. Das Bonner Münster wird so zu einem spirituellen Erlebnisraum, der die Seele für das Transzendente öffnet und so erkennen lässt, dass gerade der Sakralraum, der von den verschiedensten Generationen durch die Jahrhunderte hinweg zu Ehre Gottes erbaut wurde, ein Kristallisationspunkt ist, wo sich Himmel und Erde berühren.

Um dies zu ermöglichen wird eine aufwendige Licht- und Tonanlage in das Münster eingebaut werden. Alle Lichtwechsel werden live von der Orgelempore aus gesteuert, um so der Musik und der Stimmung der Besucher gerecht zu werden. Es versteht sich von selbst, dass versucht wird, die technische Anlage so dezent wie möglich in den Raum zu installieren. Nicht ein Technikspektakel sonder Raumwirkung ist das Ziel. Der Raum wird auch nicht durch Licht aufgelöst, sonder vielmehr wird mit den verschieden architektonischen Elementen, durch gezielte Ausleuchtung, gearbeitet werden.

Aufstellen von Kerzen

Die Besucher sollen in die Installation hinein genommen werden. Daher soll eine Möglichkeit geschaffen werden in unmittelbarer Nähe des Stadtpatronenschrein Opferkerzen aufstellen zu können. Diese Möglichkeit könnte durch einen kleinen aufgeschütteten Kieswall im Abgangsbereich zur Krypta geschaffen werden. So wird der Schrein unter dem Altar: Herz und Zentrum der Installation. Von diesem konstant weiß beleuchteten Ort aus entfaltet sich das Licht in den Kirchenraum. Die Krypta selber soll aber, für den Zeitraum der Installation, nicht zur Begehung zur Verfügung stehen.

Alle Kerzen im Altarraum, am Heiligenschrein und im Hochchor sollen nach Möglichkeit angezündet werden, da dies die Festlichkeit des Anlasses und das Gesamtbild der Installation unterstreicht. Die Osterkerze soll mit entsprechendem Leuchter direkt hinter dem Altar aufgestellt werden, als zusätzliches Symbol der Gegenwart Christie im Zentrum des Münsters.

  • Die münstereigene Beleuchtung bleibt während der Installation ausgeschaltet.
  • Die Türen der Portale sollen für die ganze Zeit der Installation weit geöffnet werden, um die Besucher mit weit geöffneten Toren zu empfangen und um Neugierde zu erwecken. Jeder soll eingeladen sein den Kirchenraum neu zu erfahren.

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