Projekte

Hineingewoben in die Menschheit

2007 - Citykirche, Mönchengladbach

Hineingewoben in die Menschheit

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten 2007?

Krippen- und Lichtinstallation zur Advents- und Weihnachtszeit 2007 in der Citykirche St. Mariae Himmelfahrt, Mönchengladbach

Eröffnungsrede

Die ersten positiven Rückmeldungen nach der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „lichter Tisch“ von Siegbert Heil und Holger Weddige, nicht zuletzt bekräftigt durch die Ermutigung durch den Vorsitzenden der Kunstkommission des Bistums Aachen, Herr Prof. Dr. Albert Gerhards, haben die Verantwortlichen der Citykirche Mönchengladbach dazu bewogen, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, der Installation einen größeren zeitlichen Rahmen zu setzen als zunächst angedacht war. Dem stand zunächst die Planung entgegen, die Weihnachtszeit schwerpunktmäßig mit einer Arbeit des Künstlers Stefan Knor zu gestalten, so wie es auch schon publiziert war. Ein gemeinsames Gespräch der Künstlergruppe um Siebert Heil und Holger Weddige zusammen mit Stefan Knor sowie den Verantwortlichen der Citypastoral Wolfgang Funke erbrachte einen neuen konstruktiven Vorschlag, den wir nun gern aufgreifen möchten: Herr Stefan Knor erarbeitet ein neues Konzept für eine Weihnachtsinstallation, welches in einen fruchtbaren künstlerischen Dialog mit der zur Zeit ausgestellten Arbeit in der Citykirche treten kann und zugleich den weihnachtlichen Aspekt neu in die vorhandene Arbeit einbindet.
Erste Überlegungen gehen dahin, dass Herr Knor die Lichtinstallation des Weihnachtsgeschehens nicht in das bisher angedachte Lichternetz hineinwebt, sondern die Weihnachtsbotschaft, symbolisiert durch die Verkündigungsworte des Lukasevangeliums und einer Darstellung des neugeborenen Kindes in die vorhandene Lichtsäule technisch hineinversetzt. Zusätzlich soll wie auch zuvor ausgearbeitet die Weihnachtsbotschaft in verschiedenen Sprachen über Spruchsäulen manifestiert werden, worauf die Gäste der Citykirche ihre Weihnachtswünsche, ihre Hoffnungen, Gebete und Erwartungen niederschreiben können, so dass sich die Botschaft der Menschwerdung Gottes verbindet mit den Träumen der Menschen.

Wir hoffen auf diese Weise, dass wir beiden Anliegen gerecht werden können: Dem Wunsch nach einer längeren Verweildauer der vorhandenen Installation in der Citykirche sowie der geplanten, ungewohnten wie zugleich auch erwarteten neuen Arbeit von Stefan Knor, der sich der Citykirche herzlich verbunden fühlt und dem andererseits die Citykirche eine Fülle anregender pastoraler und theologischer künstlerischer Versichtbarungen schon in den vergangenen Jahren zu verdanken hat.

Die neue Arbeit von Stefan Knor wird so anders sein als im Vorfeld veröffentlicht und angekündigt, aber sie wird nicht minder neu und anregend sein und im Kontext der Arbeit um Siebert Heil und Holger Weddige wiederum neue geistliche Anregungen allen bieten, die sich der Citykirche verbunden fühlen und all der vielen Gäste unserer Kirche.

Christoph Simonsen

Die Idee

Voll bepackt mit Ihren Einkäufen, die Sie in der Mönchengladbacher Innenstadt erledigt haben, gestresst vom Lärm der Stadt, genervt von dem Gedränge in den Kaufhäusern und dem für diese Jahreszeit typischen kalten rheinischen Regenwetter, stehen Sie vor der Citykirche Alter Markt und Ihnen fällt ein: „Es ist ja schon wieder Advent, mal sehen, was die sich dieses Jahr haben einfallen lassen“. Sie gehen gespannt in die Kirche hinein, vielleicht auch mit der Hoffnung ein wenig Ruhe und Erholung zu finden, vielleicht mit dem Wunsch ein kurzes Gebet für Ihre Angehörigen oder für sich selbst zu sprechen oder um an einem Andachtsbild eine Kerze mit einer bestimmten Intention zu entzünden.

Und wie schon im vergangenen Jahr gehen Sie hinein und erleben einen Kirchenraum, den sie so noch nie erlebt haben: Die Citykirche ist dezent beleuchtet, Musik durchflutet den Kirchenraum und vor dem Altar scheint ein gläsernes Jesuskind in einem durchsichtigen Netz über dem Altar zu schweben. Das Netz, gefasst durch einen Metallrahmen, beginnt am Fuße des Altares und zieht sich schräg, über die Köpfe der Besucher hinweg bis ins Gewölbe. Viele Besucherinnen und Besucher haben an dieser außergewöhnlichen Krippe Kerzen aufgestellt und zusätzlich haben sie Gebetsanliegen in das Netz hinein geflochten.

Die Schönheit des Raumes, die schlichte Schönheit der Krippe und die Schönheit der Klänge regen in Ihnen ein anderes Bedürfnis an: Das Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen. Sie spüren hier an diesem Ort ist etwas ganz besonderes, hier berühren sich Himmel und Erde, hier bin ich mehr als gut aufgehoben. Sie sehen nun, dass Sie nicht alleine im Kirchenraum sind, viele Menschen sitzen hier, beten, entspannen sich oder stellen Kerzen am Fuß der Krippe auf, die von diesen zusätzlich beleuchtet wird und so den strahlenden Mittelpunkt der Kirche bildet.

Und Ihnen fällt plötzlich ein, dass Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes, unmittelbar bevorsteht. Vielleicht wird Ihnen an diesem Ort, trotz der ganzen Weihnachts-Dekoriererei, Plätzchenbacken, Festtagsessensvorbereitung usw. bewusst, worum es eigentlich geht bei diesem Fest und warum es in der Kirche überhaupt eine „Vorbereitungszeit“, eine Adventszeit gibt. Gedanken, die Sie mit nach Hause nehmen, wenn Sie wieder zurückgekehrt sind zu Mühe und Plage.

Die Installation

Die diesjährige Krippen- und Lichtinstallation 2007 möchte die Besucherinnen und Besucher dazu einladen, ihre Weihnachtswünsche/Gebetsanliegen in einer ruhigen und angenehmen Atmosphäre zu bedenken und niederzuschreiben, sie vor Gott zubringen.

Die Krippe besteht aus einem 4m x 18m großen Metallrahmen, der vom Fuß des Altares ausgehend sich schräg bis ins dritte vordere Joch der Kirche erhebt. In diesen Rahmen werden ca. 2 km lichtleitende, transluzente Weich-PVC-Schnüre eingearbeitet. Diese Schnüre bilden das Gewebe, die Krippe, in die das Jesuskind eingewebt wird. In diesem Jahr ist das Jesuskind eine Fotografie einer gläsernen Skulptur, die auf transparentes Material aufgedruckt wird. Dadurch wird das Kind sichtbar und gleichzeitig durchsichtbar und lässt die Sicht auf die mittelalterliche Kreuzigungsgruppe in der Apsis zu. Am Fuß der Krippe, am Altar wird für die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit bestehen, Opferkerzen aufzustellen. Im Mittelschiff der Kirche befinden sich Tische, auf welchen die Besucherinnen und Besucher mit schwarzen Stiften ihre Weihnachtswünsche und/oder Gebetsanliegen auf Zettel, die jeweils mit einer Schnur versehen sind, aufschreiben können. Diese Zettel können dann von den Besuchern in das „Krippennetz“ eingeflochten, geknotet werden. So wird aus den Wünschen der Menschen der Ort, in dem Gottessohn in die Welt hineingeboren wird. Gleich bleibend wie im vergangenen Jahr werden an den Säulen der Kirche wieder zehn Banner angebracht werden. Auf diesen wird das Weihnachtsevangelium, jeweils in einer anderen europäischen Sprache, zu lesen sein. Während der Advents- und Weihnachtszeit wird entsprechende Musik zeitweise in den Raum eingespielt. Aber auch verschiedene Konzerte, welche in der Kirche stattfinden werden, beziehen die Krippen- und Lichtinstallation in ihre Konzepte mit ein.

Der theologischer Hintergrund

Das Netz, welches vom Kirchenraum getragen wird und sich am Altar abstützt, verdeutlicht, dass Kirche ein Beziehungsereignis ist. Das Jesuskind ist hineingewoben in die Menschheit. Die Menschwerdung Gottes, sein Kommen in die Welt, geschieht in ein ‘Beziehungsgeflecht’ hinein, das die Menschen mit alle ihren Bitten, Anliegen und Sehnsüchten versehen haben. Die Wünsche der Menschen, egal wie profan sie zum Teil erscheinen können, sind ein Sehnen nach Frieden und Ruhe, nach besseren Lebensbedingung usw., welche so in der Kirche vor Gott gebracht werden. In diesem Sinne handelt es sich bei dieser Krippen- und Lichtinstallation auch nicht um ein Spektakel, das den Kirchenraum nur als Baukörper benutzt. Es geht vielmehr darum, ihn von seinem Wesen und seiner Bestimmung her aufzugreifen und diese Intention in neue Medien und Formen zu übertragen und fortzuführen. Dabei bleiben alle wesentlichen Elemente dieser heiligen Räume unangetastet. Aus diesem Grund sollten auch die konsekrierten Hostien an ihrem Ort im Tabernakel bleiben. Ein Räumen des Tabernakels wäre sogar kontraproduktiv, da damit eine vermutete Unvereinbarkeit der Installation mit diesem Ort eingestanden würde. Stattdessen versucht die Installation den Ort des Tabernakels in das Gesamtkonzept zu integrieren. Die Präsenz Gottes im geheiligten Brot während einer Installation ist Ausdruck der Überzeugung, dass die Inkarnation Gottes kein geschichtlich abgeschlossenes Ereignis ist, sondern ein dynamischer Prozess, der sich fortwährend in seiner Kirche und ihren Lebensäußerungen vollzieht. So auch in ihren aktuellen Bemühungen, die Botschaft vom befreienden Gott mit den zeitgemäßen Medien in solchen Installationen erfahrbar zu machen. Der Gebrauch von Licht, Musik und anderen Materialien vermeidet die Reduktion auf eine einzige Kommunikationssituation und ermöglicht so unterschiedliche Kommunikationsformen für die communio von Gott und Mensch. Durch die Kombination so verschiedener Medien wird eine heilsame Wirkung des Sakralraums auf den Besucher erstrebt, was der Urintention sakraler Räume entspricht.

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten 2006?

Von der Krippe geht ein Licht aus, das sich wie ein Band durch die Kirche zieht. Der Lichtkünstler und Theologe Stefan W. Knor erzählt in der Citykirche die Weihnachtsgeschichte neu. Seine Krippe aus Licht und Kerzenschein spricht die Sinne an. Sogar ein Wunschzettel gehört dazu.

Es gibt viele Möglichkeiten eine Geschichte zu erzählen. Durch die Art der Erzählung wirkt dieselbe Geschichte jedes Mal anders. Allein die Wahl zwischen Worten und Bildern macht viel aus. Stefan W. Knor erzählt in der Citykirche die Weihnachtsgeschichte mit Licht.

Wie Engelsflügel streben zwei weiße Stoffbahnen von der Krippe aus in den Himmel. Das Kind wird durch die transparente Fotografie eines Babys in Stoffwindeln dargestellt. Bei näherem Hinsehen bemerkt der Besucher, dass durch den Kinderkörper viele Gesichter scheinen. Symbol des Göttlichen in jedem Menschen, erklärt Lichtkünstler Knor.

Weihnachten ist die Zeit des Lichts. Drei Elemente, die der Theologie-Student Knor auch in seiner Lichtinstallation widerspiegelt. Über die Mittelachse des frei geräumten Kirchenboden liegt auf weißem Tuch ein 25 Meter langer »Wunschzettel« aus lichtleitendem, durchsichtigem Weich-PVC. Bereitliegende Folienstifte fordern die Besucher auf, ihre Wünsche auf die Folie zu schreiben.

Für jeden Wunsch ist Platz 
»Dabei ist es egal, um was für einen Wunsch es sich handelt. Die Wünsche werden weder vorgelesen, noch bewertet«, erklärt Knor. Und für jeden Wunsch ist Platz, denn für den fall, dass der PVC-Zettel nicht ausreicht, hat Knor noch einen Ersatz mitgebracht. Dennoch haben die Wünsche eine Funktion: die Folie soll beim Gottesdienst an Heiligabend von den Gottesdienstbesuchern um die Krippe herum gestellt werden. Während die geschriebenen Wünsche dann scheinbar in der Luft schweben, sind sie gleichzeitig die Außenwand des Stalls.

Mit drapierten weißen Tüchern wird von der Krippe aus eine Verbindung zur Marienstatue im rechten Seitenflügel und zum offenen Tabernakel im linken Flügel geschaffen. Kerzen, die in Terracotta-Töpfen stecken, fügen dem Kunstlicht eine mystische und einladende Komponente hinzu.

Das Licht im Altarraum zieht den Blick in einer Linie über den Wunschzettel zur Krippe und weiter zum Altar und dem von Spitzbogenfenstern umgebenen Kreuz. Die alten Steinbögen und Säulen der Kirche hat Knor mit warmem Licht nachgezeichnet. Kerben und Risse sind deutlich sichtbar. Das Kreuz wirft einen dunklen Schatten. Die Kirche zeigt ihr verborgenes Gesicht.

Moderne Lampen mit blauem Licht fügen sich in das Ensemble ein und bilden gleichzeitig einen Kontrast. Ein Stilbruch? »Wichtig ist mir, dass auch Modernes in der Installation vorkommt. Wir leben heute in einer Zeit, in der überall versucht wird, Altes zu konservieren«, sagt Stefan W. Knor. Bei Weihnachten gehe es doch auch um Erneuerung.


Aachener Kirchenzeitung 2006

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