Projekte

Lichtinstallation, Essen

2003 - Dom, Essen

Lichtinstallation zu »Singen von der Gegenwart Gottes«

Singen von der Gegenwart Gottes

»Singen ist ein intimer Akt, der zur Abwechslung mal nicht verborgen gehalten, sondern frei nach außen getragen wird.« So schreibt es Margriet de Moor in ihrem Buch Der Virtuose.
Singen von der Gegenwart Gottes, so der Titel des Konzertes und der Lichtinstallation im Hohen Dom zu Essen. Singen und die Gegenwart Gottes sind etwas äußerst Intimes. Die Gegenwart Gottes wird in jedem von uns individuell erfahren und verstanden. Der Eine spürt, erlebt Gottes Gegenwart bei einem Son­nenaufgang, der Andere bei der Lektüre der Hl. Schrift oder bei der Hl. Messe, der Nächste wiederum bei der Begegnung mit Menschen oder in der Musik, aber auch im Leid und in Nöten. Gott begegnet dem Menschen barmherzig und geduldig. »Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.« (Ps 23, 1-2)
Eine der konkretesten Stellen im Alten Testament ist die, in der Gott sich dem Mose am brennenden Dornbusch offenbart. Der Name Gottes ist Programm: »Ich bin der Ich-bin-da« (Ex 3, 14), Gott der Allgegenwärtige.
Durch die Projektion einer großen Flamme in den Bereich der Apsis soll der Ich bin der Ich-bin-da symbolisiert und in den Mittelpunkt der ganzen Installation gestellt werden. Das Symbol des Feuers für Gottes Gegenwart zieht sich durch die gesamte Heilsgeschichte. In den mosaischen Kultgesetzen steht die Bestimmung, das Feuer auf dem Altar solle stets in Brand gehalten werden und niemals erlöschen. Diese ständig brennende Opferflamme war gleichsam die Gegengabe für das Feuer der göttlichen Gegenwart. Es war Ausdruck der Hingabe, die Gottes Volk beseelen sollte, und vor allem Vorbild der Geistesglut, in der sich das neutestamentliche Opfer vollzieht.
Die Herrlichkeit des Herrn schauen Ezechiel und Daniel im Feuerglanz, und der Hl. Johannes schildert den Menschensohn mit Augen wie Feuerflammen und Füßen wie glühendes Golderz: Bilder seiner Allwissenheit, die alles niedertreten und vernichten kann, was sich ihm widersetzt. Die übernatürlich stärkste und realste Symbolkraft enthielten die Feuerzungen, in deren Gestalt der Hl. Geist am Pfingstfest auf die Apostel herabkam. Auch sie deuten etwas vom Wesen Gottes an, doch nicht mehr furchterregend wie im Alten Bund, sondern beseligend, »nicht verbrennend, sondern erleuchtend, nicht verzehrend, sondern lichtspendend« (Brev. Rom. Feria V infra Oct. Pent., Resp. I).

Das Programm

Das Konzert und somit auch die Installation sind in vier in sich abgeschlossene Teile aufgeteilt:

I.Eintreten
II.Ansprache
III.Antwort
IV.Singen von der Gegenwart Gottes

I. Eintreten

Raimund Wippermann Hagios Kyrios

Das Erbarmen Gottes wird in diesem Stück herbeigefleht. Dieses Erbarmen senkt sich auf den Besucher in einem warmen Orangeton. Das Stück stellt den Übergang vom Profanen zum Sakralen dar.

Karin Rhenqvist In himmelen 

Die Beschreibung des Himmels in drei Strophen soll durch intensiver werdende Blautöne und durch andere Lichteffekte unterstützt werden. Blau ist die Farbe des Firmamentes und daher Sinnbild des Himmlischen. Es steht aber auch für die Unberührtheit, Unabhängigkeit und Reinheit. Nach antiker Naturanschauung war das Himmelsgewölbe etwas Feststehendes. »Das Wort des Herrn hat fest gefügt die Himmel«, heißt es in Psalm 32,6. Daher ist Blau auch Sinnbild der Dauer, der Festig­keit und Treue.

Improvisation Resonanzen I

Die Resonanzen greifen die gehörten Stücke auf und verbinden diese, so auch die Lichtinstallation, die den Kirchenraum in blaue und orange Töne taucht.

II. Ansprechen

Bengt Johansson Examine me

»Du kennst mich Herr, durch und durch.« So erklingt es in diesem Stück. Das von Gott durch und durch Gekanntsein wird in verschiedenen Purpurtönen dargestellt. Die kostbare Purpurfarbe galt im ganzen Altertum als die schönste und vor­nehmste. Purpur war die heilige, göttliche, königliche Farbe, Leben versinnbildend wegen der Ähnlichkeit mit dem lebentragenden Blut. Eine Farbe, die die Kraft und Macht symbolisiert, sie beschwört die Kraft ihres Trägers. Wegen der Eigenschaften des Purpurs und seiner Symbolik schrieb das göttliche Gesetz des Alten Testaments vor, dass er auch im Kult Jahves, des einzig wahren Gottes, neben Gold, Byssus und Scharlach zur Anfertigung der Stiftshütte verarbeitet werde (vgl. Ex 21,1; 28,5f). Die Stiftshütte ist im weitesten Sinne ein Stück Himmel auf Erden, Purpur das Material, aus dem sie geschaffen wurde; es steht für die Gegenwart Gottes.

Franz Schubert Psalm 23

Sicher und gut versorgt wird der Mensch auf all seinen Wegen von Gott geleitet.
Einer der schönsten Psalmen aus der Hl. Schrift wird durch die Farbe Grün darge­stellt. Grün ist die Farbe der frisch sprossenden Vegetation, der Erwartung von Zu­künftigem, daher Symbol der Hoffnung. Es ist Bild der Hoffnung auf das Erbar­men Gottes.

Raimund Wippermann Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt

Wie beim ersten Stück, dem Kyrie, arbeitet die Installation mit intensiver werden­den Orangetönen. Die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung wird besungen. Die Farbe der Flamme in der Apsis wird auf den gesamten Raum übertragen.

Improvisation Resonanzen II

Grüne und orange Farben fassen die Stücke aus dem Teil »Ansprechen« zusam­men.

III. Antworten

Dieser Teil des Konzertes beschäftigt sich ausschließlich mit marianischen Liedern und soll mit diesem Vorwort zusammengefasst werden.
»Maria ist Gottes lebendiger Brief, und dieser Brief beginnt mit einem Wort von solcher Komplexität, dass es, einem Samenkorn gleich, ihr ganzes Leben um­schließt. Es ist das Wort Gnade. Der Engel sprach, als er bei ihr eintrat: ›Sei gegrüßt, du Begnadete‹, und wiederum: ›Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast Gottes Gnade gefunden‹ (Lk 1,28.30).«
Der Engel nennt Maria in seinen Begrüßungsworten nicht beim Namen, er nennt sie einfach »Gnadenvolle« oder »Begnadete«; er sagt nicht: »Sei gegrüßt, Maria«, sondern: »Sei gegrüßt, du Begnadete«. Selbstverständlich besteht die Gnade Mariens darin, eine Funktion zu erfüllen, die man dem weiteren Wortlaut der Ver­kündigung des Engels entnehmen kann – ihre Sendung als Mutter des Messias –, aber damit ist die Fülle der Gnade noch nicht erschöpft. Maria ist in Gottes Augen nicht nur Funktion, sondern in erster Linie eine Person und sie als Person ist es, die Gott von Ewigkeit her liebt.
Somit ist Maria der lebendige und konkrete Beweis dafür, dass in den Beziehungen zwischen Gott und seinen Geschöpfen die Gnade ganz am Anfang steht. Die Gnade ist das Terrain, der Ort, an dem das Geschöpf seinem Schöpfer begegnen darf. Auch Gott wird in der Bibel als reich an Gnade, d.h. voll der Gnade, bezeich­net. Gott ist in aktivem Sinne voll der Gnade, als derjenige, der mit Gnade erfüllt; Maria – und mit ihr jedes andere Geschöpf – ist in passivem Sinne voll der Gnade, als diejenige, die mit Gnade erfüllt wird. Dazwischen steht Jesus Christus, der Mittler, der in doppeltem Sinne »voll Gnade« ist (Joh 1, 14): aktiv und passiv in­sofern, als er einerseits Gott und Haupt der Kirche ist und somit Gnade spendet, und anderseits Mensch, der vom Vater mit Gnade erfüllt wird und sogar »zunimmt an Gnade«. Durch die Gnade neigt sich Gott hin und beugt sich herab zu seiner Kreatur – die Gnade ist, indem sie das Verlangen des Menschen nach Gott stillt, wie die konvexe Überwölbung einer konkaven Form. Gott ist die Liebe, sagt der Hl. Johannes, und auf den Bereich außerhalb der Dreifaltigkeit übertragen heißt dies dasselbe wie: Gott ist Gnade. Einzig und allein innerhalb der Dreifaltigkeit, in den Beziehungen der göttlichen Personen untereinander ist die Liebe Gottes eine na­türliche Gegebenheit – und damit notwendig; in allen anderen Fällen ist sie Gnade, d.h. Geschenk.

Gott, wie ihn die Bibel uns zeigt, spendet nicht nur Gnade, er ist Gnade. Es fällt auf, dass Exodus 33,19: »Ich gewähre Gnade, wenn ich will« vom Satzbau her parallel verläuft zu Exodus 3,14: »Ich bin der Ich-bin-da« und sozusagen die dazu gehörende Erklärung ist.
Diese Worte werfen ein einzigartiges Licht auf die gesamte Person Mariens. Von ihr muss man mit noch größerer Veranlassung sagen: Was hat sie getan, womit hat sie es verdient, dass sie dem göttlichen Wort Menschengestalt geben durfte? Was hat sie geglaubt, erbeten, gehofft, gelitten, um schon vom Mutterleibe an heilig und makellos zu sein? Suche auch hier das Verdienst, suche die Berechtigung, suche alles, was du willst, und sieh, ob du in ihr zu Beginn etwas anderes als Gnade findest! Maria kann sich wahrhaftig die Worte des Apostels zu Eigen machen und sagen: »Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin« (1 Kor 15,10) In der Gnade ist Maria vollständig er­klärt, in der Gnade liegt ihre Größe, ihre Schönheit. Ja, Maria ist Maria, weil sie voll der Gnade ist. Sie ist voll der Gnade – damit ist alles gesagt.1
Blau, als marianische Farbe in der katholischen Kirche ist in diesem Teil die Farbe, die in unterschiedlichen Tönen die Musik unterstreichen möchte.

Improvisation Ave Maria

G. P. da Palestrina Ave Maria

Knut Nystedt Mary’s song

Javi Busto Salve Regina

Improvisation Resonanzen III

IV. Singen von der Gegenwart Gottes

Beim letzten Teil dieser Installation kommt zusätzlich zu den visuellen Reizen noch ein olfaktorischer hinzu. Die Kirchenväter sind seit ältester Zeit darin einig, den Weihrauch als ein Symbol der Gottesverehrung anzusehen. Ihre Ausführungen be­ruhen auf Ps 140,2: »Wie Weihrauchduft steigt mein Gebet zu dir empor« und auf zwei Stellen der Apokalypse: der Hl. Johannes schildert die Anbetung der 24 Ältes­ten vor dem Gotteslamm: »Jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Weih­rauch, das sind die Gebete der Heiligen« (Offb 5,8). »Rauchwerk ist schon an sich gut und wohlriechend« sagt der Hl. Johannes Chrysostomus (zu Ps 140,2). »Es strömt aber vor allem dann seinen Duft aus, wenn man es auf Feuer streut. Ebenso ist es mit dem Gebet: es ist zwar gut an sich, wird aber besser und duftet stärker, wenn es der Glut eines eifrigen Herzens entspringt, wenn die Seele zum Weih­rauchgefäß wird und das Feuer tüchtig anfacht.«
In Verbindung mit dem Weihrauch wird oranges und gelbes Licht in den Kirchen­raum projiziert. Gelb spricht vom ewigen Licht, von Herrlichkeit, Würde und Macht; Gelb ist die Farbe des reifen Getreides und des Goldes und daher die Farbe für Gottes Gegenwart. Orange als aufregende, anreizende und fröhliche Farbe steht für die Freude, für das freudige Singen von der Gegenwart Gottes.

Olli Kortekangas Das unaufhörliche Echo

Raimund Wippermann Praise ye the Lord

Douglas Coombes Psalms for dancing – Praise ye the Lord – I will lift up mine eyes – O clap your hands, all ye people

Wie das Licht das Innere eines Raumes auf wunderbare Weise durchflutet, ihn er­leucht, so ist es auch mit Gottes Gegenwart, in der seine Gnade seine Schöpfung erfasst.

Stefan W. Knor

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