Projekte

Nacht der offenen Kirchen 2011

2011 - Aachener Dom, Aachen

Vorbereitungs-Triduum zum Jubiläumsjahr 2014

Konzeptentwurf „Nacht der offenen Kirchen“

Einleitung

Die Nacht der offenen Kirchen in Aachen ist eine zehnjährige Erfolgsgeschichte!

Alljährlich kommen tausende von Besuchern zu den Angeboten der Aachener Innenstadtkirchen. Der Aachener Dom steht hierbei im Mittelpunkt, ihm kommt eine besondere Beutung zu. Mit dem hier vorgeschlagenen Konzept soll nach zehn Jahren „Nacht der Kirchen“ der Dom für die Besucher neu erlebbar gemacht werden; gleichzeitig dienen die einzelnen hier vorgeschlagenen Installationen als Heranführung zum Jubiläumsjahr 2014. Das alte erwürdige Gotteshaus wird durch die gezielte Ausleuchtung der Architektur und der darin geborgenen Kunstschätze neu erlebbar. Es wird kein neues und/oder eigenständiges Kunstwerk in den Dom installiert, sondern die Lichtinstallation zur erklingenden Musik will mit diesem Beitrag den Gästen einen niederschwelligen, unmittelbaren und zeitgemäßen Zugang zu einer Grundaussage unserer christlichen Botschaft bieten: Es gibt einen, der dich liebt, wie du bist: Gott. Bei ihm darfst du ganz du selber sein und auf ihn darfst du hoffen. Vor ihm darfst du dich vergessen, alte Wege verlassen und neu beginnen. Er schenkt dir Räume und Begegnungen, in denen du neue Hoffnung und neue Perspektiven für dein Leben entdecken kannst. Er schenkt dir den wahren Frieden für dein Leben, er führt dich zu neuer Lebendigkeit und zur Fülle deiner Möglichkeiten. (...ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Joh 10,10) – Wo wir Menschen das erfahren, da spüren wir: hier berühren sich Himmel und Erde! Da ist Kirche mitten unter uns Menschen, da sind wir Kirche (Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr. 1 Kor 3,16). Angesprochen durch die ganz unmittelbaren Reize von Klang und Licht sollen die Besucher den Raum des Aachener Doms als einen solchen Kristallisationspunkt erleben, in dem sich Himmel und Erde berühren und wo dort sich im eigentlichen Sinn Kirche bildet und entsteht. 

„Das himmlische Jerusalem auf Erden“ 

Lichtinstallation im Oktogon zur Nacht der offenen Kirchen 2011

Das Himmlische, das Neue Jerusalem bildet den Abschluss und die Krone der gesamten Heiligen Schrift des Alten und Neuen Bundes. Sie stellt das Endziel des Erdenpilgers vor Augen, denn »wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die künftige suchen wir« (Hebr 13, 14). Auch heilige Männer des Alten Bundes schauten bereits im Geiste dieses überzeitliche, ewig dauernde Jerusalem. Sie beschreiben es in ähnlichen Bildern wie der Hl. Johannes: „Siehe, ich bette deine Steine in Bleiglanz und gründe dich auf Saphiren. Ich baue deine Zinnen aus Rubinen, deine Tore aus Karfunkelstein und deine Umfriedung aus Edelstein“ (Jer 54, 11–14). Der Hl. Johannes schreibt: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.“ (Offb 21, 1) Das Verschwinden der Erde und des Himmels und das Kommen „eines neuen Himmels und einer neuen Erde“ sind Hinweis auf die völlig andersartigen Bedingungen des Daseins der Erlösten. „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“ (Offb 21, 2). In der erneuerten Welt wird der vollkommene Bund Gottes mit dem Menschen Wirklichkeit, so wie es Jeremia voraussagt. Mit der Ankunft Jesu unter den Menschen und mit der Geburt der irdischen Kirche hat die Verwirklichung des Bundes begonnen. Gott wird unter den Menschen wohnen, dann aber in völliger Klarheit und unauflöslicher Gemeinschaft mit ihnen. Sie werden sein Volk sein und er ihr Gott. So nahe stehen sie ihm und sind so sehr mit seinem Geheimnis verwoben, dass auch er nicht mehr allein ist, sondern Gott mit ihnen. 

Diese hoffnungsvolle Grundaussage des Christentums soll durch die gezielte Ausleuchtung der frisch renovierten Kuppel und dem Hochmünster den Besucher vermittelt werden. Gerade die Architektur und Ausstattung des  Oktogons bildet diesen besonderen Kristallisationspunkt, der in der Einleitung erwähnt wurde.

„Gottheit tief verborgen“

Lichtinstallation in dem Kapellenkranz zur Nacht der offenen Kirchen 2012

Die Baugestalt des Aachener Domes hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, vornehmlich durch die im 15. Jahrhundert angefügten Kapellen, die sich kranzförmig um den karolingischen Zentralbau legen. Neben der Matthiaskapelle (1414) mit der Sakristei und Archivfunktion befinden sich an der Südseite die Annakapelle (vor 1449) - vormals Friedhofskapelle - und die Ungarische Kapelle (1367 und 1756-1767) zur Betreuung der ungarischen Pilger. An der Nordseite des Domes sind bis heute die Karls- und Hubertuskapelle (1455-1474) als herrschaftlicher Kapellentypus und die Nikolaus- und Michaelkapelle (vor 1487) als ehemalige Begräbnisstätte der Stiftgeistlichkeit erhalten. Weitere Kapellen grenzten bzw. grenzen an den Kreuzgang (Allerseelenkapelle; Allerheiligenkapelle) und den Domhof mit noch erhaltenen Taufkapellen (1200 und 1766). Zeugnis vom Einfluss der Heiligtumsfahrten auf die Bautätigkeit am Dom geben außerdem die Reliquienkapellen am Westturm (1350 und 1879-1884).

All diese Räume bzw. der Kreuzgang spiegeln die Frömmigkeit der Menschen zu unterschiedlichen Zeiten wieder. Die gezielte Ausleuchtung dieser architektonisch sehr unterschiedlichen Räume sollen die Gebetstraditionen der Aachener Bürger aufzeigen. So entsteht eine ganz besondere „Wanderung“ durch die Zeit. Eingespielte sakrale Musik an den unterschiedlichen Orten aus der entsprechenden Epoche können so den Besuchern die Vielfältigkeit und damit auch Einzigartigkeit des Aachener Doms aufzeigen.

„ Meine Seele lauscht entzückt im Klange deiner Farben “

Lichtinstallation in der Chorhalle zur Nacht der offenen Kirchen 2013

Das sog. "Glashaus von Aachen" mit über 1000 qm Glasfläche wurde nach rund 60 Jahren Bauzeit am 28. Januar 1414 geweiht. Seitdem ist der äußere Bau des Doms bestimmt durch den Westturm, das Oktogon, die Chorhalle und die während des 15. Jahrhunderts entstandenen Kapellen, die den Zentralbau umgeben. In der ideellen Auseinandersetzung mit dem französischen Vorbild, der Pariser Sainte-Chapelle (1243/48) entstand eine "gläserne Kapelle". Mit ihren Ausmaßen von 37 Meter Länge, 21 Meter Breite und fast 33 Meter Höhe überragt die steile, einschiffige Halle die Kapellen, die sich mit ihr als Kapellenkranz um den Zentralbau legen, beträchtlich.

Durch Licht wird vor allem das Filigrane des Glashauses betont; zusätzlich werden die beiden Schreine, die Engelskonsolen, die Säulenheilige und die Strahlenkranzmadonna besonders hervorgehoben werden.

Grundlagen: Lichtinstallation zur erklingenden Musik „Gott in Farben sehen“

„Schau den Regenbogen an und preise seinen Schöpfer; denn überaus schön und herrlich ist er. Über den Himmelskreis erstreckt er sich in seiner Pracht, Gottes Hand hat ihn machtvoll ausgespannt.“ (Sir 43,11f.)

In die herrliche Architektur des Aachener Doms sollen verschiedene Leuchtmittel installiert werden. Bei diesen muss in zwei unterschiedliche Gruppen unterschieden werden: die größere Gruppe besteht aus Lampen, die weißes Licht abstrahlen und die andere Gruppe von Leuchtmitteln ist in der Lage, 1,5 Million Farbnuancen übergangslos je nach Ansteuerung in den Kirchenraum zu projizieren. Alle installierten Lampen können einzeln angesteuert und in ihrer Leuchtintensität verändert werden. Mit dieser aufwendigen Lichtanlage ist es möglich, den gesamten Raum, aber auch nur bestimmte Orte, übergangslos auszuleuchten. Die weißen Leuchtmittel werden so im Raum angeordnet, dass sie architektonische Feinheiten betonen, sie schaffen die Konturen zum raumfüllenden farbigen Licht. Bei allen technischen Einbauten wird darauf geachtet, dass diese so wenig wie möglich zu sehen sind. Nicht die Technik, sondern das Raumgefühl steht bei einer solchen Installation im Vordergrund. Daher würden auch alle Schalt- und Steuerungspulte im Hochmünster aufgestellt/eingerichtet werden. Bei jeder Installation gibt es einen unveränderlichen Fixpunkt, einen Punkt, der kontinuierlich im gleichen Licht getaucht bleibt und von dem sich die gesamte Lichtinstallation, wie eine Blüte Schicht für Schicht in den gesamten Raum entfaltet. 

Diese reine Lichtinstallation zur erklingenden Musik beschäftigt sich mit der „Schönheit Gottes“, dem Erkennen „Gottes im Schönen“. Thomas von Aquin führt in seinem Werk „De veritate“ eine ausführliche und systematische Ausarbeitung der konvertiblen Transzendentalien, zu denen neben dem „Seinenden“ (ens), das „Eine“ (unum), das „Wahre“ (verum), das „Gute“ (bonum) auch der Begriff des „Schönen“ (pulchrum) steht.

Auf dem Höhepunkt der Entwicklung des mittelalterlichen Denkens definiert Thomas von Aquin Schönheit nicht nur als das Vorhandensein der notwenige Proportionen und des Glanzes - denn schön wird das genannt, was Farbe besitzt - sondern spielten für Thomas die Form, die moralische Schönheit und das wechselseitige Zusammenwirken von Dingen eine wichtige Rolle. Gott im Licht der Farben zu erkennen, zu genießen und diese Schönheit ins Herz zu schließen, mitzunehmen in den Alltag, dies ist das Grundanliegen dieser Installation.

Musik wird seit dem Beginn religiöser Handlungen, schon in der Frühgeschichte, als Bindeglied zwischen den Menschen und Gott eingesetzt und genutzt. Sie bildet einen Schwerpunkt in der katholischen Liturgie, und wir befinden uns in der glücklichen Situation auf dem Schatz von über 1000 Jahren „spiritueller“ Musik zurückgreifen zu können, von der Gregorianik bis zu zeitgenössischen Klängen, von Palestrina bis Messiaen, von Bach bis Debussy, von der polyphonen Kantate bis zu Synthesizerklängen. Es wird bei meiner Installation in Zusammenarbeit mit der Dommusik auf diesen Schatz zurückgegriffen und die Klänge aus den verschiedenen Jahrhunderten werden live in Licht umgesetzt. Die Farbenauswahl für diese Umsetzung leite sich von ihrem jeweiligen Symbolgehalt der Farben ab, die Intensität der Farben von der Lautstärke der Musik. Wie die Musik den weiten Kirchenraum erfüllt, so wird auch das Licht den Raum immer neu erlebbar werden lassen. Beide, Musik und Licht, bilden ein harmonisches Ganzes, welche die Besucher berühren und ansprechen sollen. 

„Um der Zukunft unserer Kirche willen brauchen wir eine klare Option für Biotope des Glaubens und Glaubensereignisse. Es braucht Orte, wo Christinnen und Christen Anteil geben an ihrem eigenen Glauben, wo Strukturen vorhanden sind, um Suchende nach dem Maß und der Identität, die selbst bestimmen, die Möglichkeit zu Gespräch und Berührung mit christlicher Zeugengemeinschaft zu geben.“

Theologischer Exkurs

„Als einer der Ursprünge für die Ästhetik der claritas ist sicher anzusehen, dass Gott in vielen Kulturen mit dem Licht gleichgesetzt wurde: Der semitische Baal, der ägyptische Ra und der iranische Ahura Mazda waren Personifikationen der Sonne oder des Lichts, Vorstellungen, die bis zu der Auffassung vom Guten als Sonne der Idee bei Platon weiterwirken und über den Neoplatonismus in die christliche Tradition Eingang finden.“

In der Antike setzte sich die Schönheit aus zwei Komponenten zusammen: Zum einen aus der Proportion (symmetria) und zum andern aus der Farbe (chroma). „In seinen Enneaden (1,6) fragt sich Plotin, warum wir Farben, das Sonnenlicht und den Glanz der nächtlichen Gestirne als schön empfinden, [...]. Er kommt zu dem Ergebnis: Die Schönheit der Farbe ist einfach durch Gestaltung und Bewältigung des der Materie anhaftenden Dunkeln mittels Hinzutreten des unkörperlichen von Vernunft und Idee ausgehenden Lichts.“

Wenn man diesen Standpunkt durch neuplatonische Augen sieht, für die die Materie nur die letzte (verderbte) Stufe der Emenationen des unerreichbaren, höchsten Einen ist, ist das Licht, das von der Materie ausstrahlt, ein Reflex des Einen - von Gott - von dem es ausgeht.

Abschließend sei hier für die Philosophie der mittelalterliche Hauptvertreter des Neuplatonismus Johannes Scotus Eriugena erwähnt, der Gott als Licht sieht. Der Mensch kann Gott im Licht bzw. in den Farben erkennen. Dante Alighieri beschreibt in seiner „Göttlichen Komödie“ ein wunderbar glänzendes Paradies, welches so mit Licht und Glanz erfüllt ist, dass es seine Augen nicht ertragen können.

„Gott in Farben sehen“ - Durch die Erfahrung von Farbe im Kirchenraum über Gott ins Gespräch kommen.

Wassily Kandinsky schrieb am 09. April 1911 an Arnold Schönberg: „Ich beneide Sie sehr, wie unendlich gut haben es die Musiker in ihrer so wie gekommenen Kunst. Wirklich Kunst, die das Glück schon besitzt, auf reinpraktische Zwecke vollkommen zu verzichten. Wie lange wird wohl die Malerei noch darauf warten müssen?“

Ton und Farbe stehen seit Urzeiten in einer engen Verbindung. Dies bezeugen Wortanalogien wie Farbton, Klangfarbe, Klangbild, Tonfarbe und Tonmalerei. Bereits aus alttestamentlicher Zeit gibt es Hinweise, dass die sieben Farben des Regenbogens den sieben Tönen der Tonleiter entsprechen. Aus physikalischer Sicht kann festgehalten werden, dass die erklingende Musik aus Schallwellen besteht. Das Licht bzw. die Farbe hat wie die einzelnen Töne in der Musik jeweils eine spezifische Wellenlänge.

Aus verschiedensten alten Kulturen sind Farbe-Ton-Analogien überliefert. Bis tief in das Altertum reichen die Spuren einer musikalischen Malerei und Architektur. Aristoteles wurde von der Idee geleitet, Farbzusammenstellungen auf denselben einfachen Zahlenverhältnissen beruhen zu lassen wie musikalische Konsonaten. Leonardo da Vinci, Sir Isaac Newton, Georg Philipp Telemann und viele andere beschäftigten sich im Laufe der Geschichte mit der Verbindung von Farben und Musik. Auffallend ist, dass viele Menschen, auch wenn sie keine Synästhetiker sind, durch Erfahrungen und durch Symbolkenntnisse Musikstücke und/oder einzelne Töne instinktiv mit Farben verbinden können. Alexander Skrjabin war einer der ersten bedeutenden Komponisten, der versucht hat, eine Beziehung zwischen Tönen und Farben in seinen Werken herzustellen. Er behauptete, dass jeder Tonart eine bestimmte Farbe entspreche, die er beim Hören derselben wahrnehme. Das Phänomen, dass ein Stimulus einer bestimmten Sinnesmodalität eine Reaktion in einer anderen Sinnesmodalität auslöst, nennt man Synästhesie. Diese Verknüpfung muss sich aber keinesfalls auf zwei Sinne beschränken, es können mehrere Sinne miteinander interagieren. Die häufigste Form der Synästhesie ist die Assoziation zwischen Farben und Tönen. So könnte man auch in Skrjabins Fall von einer Ton - Farbe Synästhesie sprechen. Wichtig ist aber festzuhalten, dass es eine enge Verbindung zwischen Musik und Farben, mit ihren jeweiligen Symbolgehalten, gibt. 

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