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Piéta - Getragen im Leid

2013 - St. Peter & Paul, Ratingen

Einführungsabend in die Kunstinstallation

„Piéta - Getragen im Leid“ zur Fastenzeit 2013 in St. Peter und Paul

Das Leid hat viele Gesichter und viele Namen:

  • Krankheit oder das Wissen, mit einer Behinderung leben zu müssen,
  • Tod und die Trauer um einen geliebten Menschen,
  • Stress und das Gefühl, den Anforderungen des Lebens nicht mehr gewachsen zu sein,
  • Probleme, deren Lösungen noch nicht greifbar sind,
  • Konflikte, die unendlich viel Kraft kosten
  • und das Unversöhnte, das nicht zur Ruhe kommen lässt,
  • Arbeitslosigkeit und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden,
  • die Erfahrung von Gewalt am eigenen Leibe,
  • zerbrochene Beziehungen und die seelische - Verletzungen, die sie zurückließen,
  • durchkreuzte Lebenspläne,
  • ein Unfall oder ein Ereignis, seit dem nichts mehr so ist, wie es einmal war. 

Ja, das Leid hat viele Gesichter und viele Namen.
Und so wenig wir uns das Leid wünschen, es ist Teil unseres Lebens.
Aber wie sollen wir damit umgehen?
Eine allgemein gültige Antwort wird sich wohl kaum finden lassen.
Sie würde auf die sehr individuelle Situation des Leidens nicht passen.
Denn jedes Leid sucht seine eigene Antwort.
Sie muss in die persönliche Biografie hineinbuchstabiert werden. 

Für die Suche nach so einer Antwort hat die christliche Kunst das Andachtsbild der „Piéta“ hervorgebracht.

Die Bibel berichtet nicht davon, dass bei der Kreuzabnahme der Leichnam Jesu in den Schoß seiner Mutter gelegt wurde.
Diese Szene ist vermutlich der Vorstellungswelt des betrachtenden Gebetes entwachsen: Wenn die Mutter Jesu, wie es die Bibel erzählt, ihm bis unter das Kreuz gefolgt ist, dann wird sie auch bei der Kreuzabnahme dabei gewesen sein.
Und womöglich kam bei der Betrachtung dieser Szene ein Vers aus dem Buch Ijob in den Sinn, bei dem der gerechte Ijob sich trotz unermesslichen Leidens zu dem Bekenntnis hindurch ringt:

„Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück.

Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.“ (Ijob 1,21)

Andachtsbilder gründen in dem tiefen Bedürfnis, in der Situation des Leidens nicht allein zu sein, einen Ort zu haben, an dem wir unseren Blick festmachen können, und darin zu erkennen, dass da einer ist, der mitfühlen kann.

Diese Nähe im Leiden scheint von so großer Bedeutung zu sein, dass nicht der Auferstandene als strahlender Siegertyp zum zentralen Symbol der Christenheit wurde, sondern das Kreuz.

Und auch die Piéta führt uns keine glänzende Erfolgsgeschichte vor Augen, sondern wir sehen viel Leid darin abgebildet:

Zum einen hält sie uns das Leid des geschundenen Leibes Jesu vor Augen, der bei der Kreuzigung Schreckliches und Grausames über sich ergehen lassen musste.

Zum anderen ruft uns das Bildnis den unermesslichen Schmerz seiner Mutter in Erinnerung, die nun ihren toten Sohn in den Armen hält, in einer Trauer, deren Tiefe wir nur erahnen können.

Schließlich ist der Darstellung des Leidens ein weiteres Leid widerfahren:

Der Brand durch eine unachtsam aufgestellte Opferkerze, hat das Ganze verkohlt und spricht von der ungeheuren Vernichtungskraft des Feuers. 

Diese Piéta ist eine Zumutung.

Sie erschüttert.

Sie bewahrt davor, den Glauben in viel zu einfachen Lösungen zu verkitschen und nur die halbe Wahrheit des Lebens zu zeigen.

Das Leid gehört nun einmal zum ganzen Bild unseres Lebens.
Wenn es uns gut geht, dann haben wir Gott wie selbstverständlich an unserer Seite, dann fühlen wir uns dem Himmel sehr nahe und von guten Mächten wunderbar geborgen.
Wenn es uns schlecht geht, dann müssen wir um diese Gewissheit ringen: „Ist der Herr an meiner Seite, oder nicht?“ 

Im Feuer jener Brandnacht mag auch so manch eine Vorstellung zunichte geworden sein, die Menschen sich von Gott zurechtgelegt haben:

Da ist kein strafender Richter, der Leid als Mittel einsetzt, um die Menschheit zum Guten hin zu erziehen.

Da ist kein Willkürherrscher, den man mit Gebeten beknien muss, damit er sich gönnerhaft zeigt und für Abhilfe sorgt.

Da ist kein Beschützer, der mit einem himmlischen Engelheer dieses Leid verhindert hätte. Da ist kein Eingreifer, der das Leben auf wundersame Weise einfach für uns regelt. 

Nein, diese Piéta beinhaltet eine andere Botschaft:

Sie verkündet einen Gott, der sich in seinem Sohn so sehr in Mitleidenschaft ziehen lässt, dass er jetzt gezeichnet vom Leid im Schoß seiner Mutter liegt.

Da ist nicht vom Erfolg des Starken die Rede, sondern von der Bereitschaft Gottes, sich auf die Leidensgeschichte der Menschheit ohne wenn und aber einzulassen.

In der Treue auf seinem Weg zu den Menschen ist Jesus Christus bis zum Äußersten gegangen. 

Seither ist klar: Gott ist nichts Menschliches fern.
Er ist auch in der Not des Lebens und in der Nacht des Glaubens anzutreffen.
Der Leidende ist nicht der Gottverlassene!
Denn in seinem Sohn hat Gott den Ort irdischer Gottverlassenheit mit seiner Gegenwart gefüllt.
Das Leid hat nichts damit zu tun, ob Gott mir wohl gesonnen ist, oder nicht.

Im Gegenteil: Er geht mit.
Seine Solidarität gilt
dem Glauben der Angefochtenen,
der Hoffnung der Bedrängten,
der Treue der Berufenen
und der Liebe der Geschmähten. 

Das Gebet, zu dem die Betrachtung der Piéta einlädt, soll uns in dieser Gewissheit stärken, dass Gott uns im Leid nicht allein lässt. So können wir innerlich neue Kraft schöpfen. So manch ein Betrachter vertraut dabei seine Anliegen der Fürsprache Marias an, die mitfühlen kann: „Denk an uns, bitte für uns!“

Die Piéta verkündet im Ganzen die Größe zu der wir Menschen angesichts des Leidens fähig sind:

Es ist die Großherzigkeit des Mitgefühls.

Der Geschundene fällt hier nicht ins Bodenlose, sondern in die sanften Arme seiner Mutter, am Kopf gestützt durch einen weinenden Engel. 

Getragen im Leid:

Das erleben wir, wenn Menschen mitfühlen, einander emotionale Nähe und körperliche Berührung schenken.
Das einfühlsame Gespräch, die angebotene Hilfe, das besorgte Mitgehen und die Erfahrung unbedingter Solidarität, all das macht die Meinung zunichte, dass es durch das Leid mit dem Sinn des Lebens vorbei sei.

Das Licht der Installation und die aufgetragenen Spuren von Blattgold heben für den Betrachter die besondere Würde hervor, die selbst noch in der Situation des Leidens dem Menschen innewohnt.

Und damit führt uns die Betrachtung behutsam zu einer der Antworten, die wir Christen auf die Frage geben, wie wir mit dem Leid umgehen sollen:

Neben dem Bemühen, möglichst viel Leid zu verhindern, und dem Einsatz, möglichst viel Leid abzuwenden, gilt es das in den Blick zu nehmen, was einen Menschen in der Situation des Leidens in seiner Würde bestärkt.

In einem Menschen das Gespür für seine besondere Würde auch angesichts des Leidens wach zu halten, ist ein großes Geschenk und ein Zeichen der Hoffnung.

Eines gehört jedoch dazu:

Um die Erfahrung machen zu können, im Leid getragen zu sein, bedarf es der Bereitschaft, sich tragen zu lassen. Wie viele Menschen wollen sich nicht derart aus der Hand geben und lieber bis zuletzt alles selber im Griff haben. Es stimmt nachdenklich, wenn einige, die eigentlich alles haben, angesichts unheilbarer Krankheit den Freitod wählen und den Tod dem Vertrauen vorziehen, im Leid getragen zu sein.

Wagen wir dieses Vertrauen!

Setzen wir auf Gott unsere Hoffnung!

Dann kann es geschehen, dass wir ganz ungeahnte Erfahrungen des Getragenseins machen. 

Gott ist dem Leid und der Ohnmacht nämlich anders ausgeliefert als der Mensch.
Denn er hört trotz Machtlosigkeit, Schwachheit und Leiden seines Sohnes nicht auf, Gott zu sein.
Er bleibt den Grenzen von Raum und Zeit entzogen und kann so darin einen Schimmer der Ewigkeit aufleuchten lassen.
Mit seinem göttlichen Glanz in den Spuren von Gold hält er die Hoffnung wach, dass das Ende gut wird und wir zu dem Heil berufen sind, einmal an seiner himmlischen Herrlichkeit teilzuhaben. 

Ein Gebet mag uns derweil begleiten:

Verborgener Gott,
gib uns den Mut,
zu verändern,
was sich ändern lässt;
schenk uns die Kraft,
anzunehmen,
was nicht zu ändern ist,
und gib uns die Weisheit,
beides voneinander zu unterscheiden. 

Text: Pfarrer Bünnagel, Ratingen

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