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Stimme verschwebenden Schweigens

2009 - St. Peter & Paul, Ratingen

"Stimme verschwebenden Schweigens"

Licht- und Verhüllungsinstallation in der St. Petrus & St. Paulus Kirche, Ratingen zur Fastenzeit 2009

Über die Brücke der Sinne weiß sich der Mensch mit der Welt der geschaffenen Dinge und der Schöpfung verbunden. Aristoteles bezeichnete die fünf primären Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen als das Fenster der Seele nach außen. Über diese Seelenfenster erfahren wir etwas von Gott. Die Welt unserer Sinneswahrnehmung ist eine Welt der Hinwendung, der Begegnung und des Dialogs; sie verlangt, dass wir uns selber dabei zurücknehmen und vergessen können, um auf die innere Stimme dessen, was ist und geschieht, zu hören. Der Weg der Sinne weist von außen nach innen, vom Rand zur Mitte, von der Erscheinung zum Wesen und Geheimnis. Sinnenhaft erfahren wir Gott, sinnhaft müssen wir den Glauben lernen und in uns aufnehmen.

Wir haben oft den Glauben von der Welt unserer Sinne getrennt. Dabei ist es doch so, dass Sinnlichkeit und Sinnesfreude in der Bibel charakteristische Schlüsselbegriffe sowohl für das Lebens- wie auch für das Glaubensgefühl des Menschen sind, wenn es heißt:

„Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was wir mit unseren Händen angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens“.

Der Vorgang des Sehens gleicht dem Wunder der Schöpfung. Es ist das Auge, durch das wir das Licht empfangen. Unser Auge „sieht“ mehr, weiter und tiefer; es vermag zu schauen. Es bleibt bei dem, was es wahrnimmt nicht stehen; es sieht nicht nur, es schaut, es schaut an und durch, es betrachtet und verweilt bei dem, was es sieht. Dabei kommt es zu einer Begegnung, zu einem Gespräch und Austausch. Erst darin fängt das Geschehen an, für den Betrachter zu existieren, für ihn da zu sein. Das ist eine neue Dimension oder Ebene der Weltanschauung, der Welterfahrung, der Glaubenserfahrung. Der Weg vom Schauen zum Glauben ist somit nicht weit. Der Schauende sieht tiefer und reicht darin den Glaubenden die Hand.

Dem Propheten Elija im AT wird alles zuviel. Er flieht in die Wüste und wünscht sich den Tod. Nach vierzig Tagen Wüstenwanderung erreicht er eine Höhle, in der er sich versteckt. Und dann, so heißt es, zog der Herr vorüber, zunächst ein heftiger Sturm – aber Gott war nicht im Sturm; dann ein Erdbeben – doch Gott war nicht im Erdbeben; dann folgte ein mächtiges Feuer – doch auch im Feuer war Gott nicht. Schließlich hörte Elija ein sanftes, leises Säuseln des Windes. In ihm war Gott. Gott war „Stimme verschwebenden Schweigens“. Ein Grund, warum wir Gott oft nicht wahrnehmen, besteht also darin, dass wir glauben, er ist nur in den großartigen und mächtigen Dingen erfahrbar. Das ist für uns heutige Menschen ein großes Problem. Wir sind es gewohnt, im Lärm zu leben; alles muss anscheinend laut und gewaltig sein. Wir sind in der Versuchung, dass wir nur das wahrnehmen, was laut und schrill daherkommt. Die leisen Töne überhören wir. Gott aber zeigt sich dort, wo wir ihn nicht vermuten: im Kleinen, Ruhigen, Einfachen, Stillen und Verborgenen. Durch die Verhüllungsaktion im Kirchenraum ergibt sich eine sinnliche Reduzierung und dadurch bedingt eine gleichzeitige „Erfahrungs-Konzentration“. Im Verhüllten das Wahre, das Wesentliche erkennen lernen.

Die Fastentücher in der Liturgie der Westkirche sind im übertragenen Sinne ein fasten für die Augen der Gläubigen. Das Fastentuch ist „ein Vorhang, der während der vierzigtägigen vorösterlichen Buß- und Fastenzeit aufgehängt wurde, um den Hochaltar und Heiligenfiguren zu verhüllen“.

Die an Stangen aufgehängten Fastentücher verhüllten den Altar zumeist während der ganzen Fastenzeit von Aschermittwoch an bis zur Liturgie am Karfreitag und gaben so erst in der Karwoche den Blick auf den Altar wieder frei. Dem Gläubigen wird „der Einblick in das Allerheiligste des neutestamentlichen Tempels entzogen“ , da er sich durch seine Sünde selbst von der Gemeinschaft der Heilligen abgesondert hat. Der Gläubige erfährt durch den sichtbaren Ausschluss vom Allerheiligsten, dass er umkehren sowie Abstinenz und Fasten üben soll, um wieder Teilhabe am Heiligen zu erfahren. Das Fasten der Augen und die Abstinenz in der Anschauung des Heiligen werden so zur Bußübung, die in der Karwoche und am Ostertag von Gott gnadenhaft beantwortet werden: „Die Entfernung des Fastentuches vor der Osternacht verdeutlichte, dass Christus wieder unverhüllt in göttlicher Herrlichkeit vor den Menschen steht, dass er den Himmel geöffnet und die Blindheit des Herzens weggenommen hat, die hinderte, das Geheimnis seines Leidens zu verstehen.“ Im Verhüllen des Altarraumes, der Kreuze und Reliquien wird „das anschauliche Geheimnis dem Auge entzogen, die direkte Berührung des Heiligen untersagt.“ Im Enthüllen wird das österliche Geschenk der Erlösung und der Vergebung der Sünden durch den Heiland Jesus Christus erfahrbar.

Einleitung

Augen kann man nicht zwingen, man kann sie nur einladen.

„Wer eine Rede oder eine Sonate hören will, muss die Reihenfolge der Worte oder Töne ertragen. Nur in der Abfolge ergeben sie einen Sinn.”

Dem Auge aber steht alles im Lichte Stehende gleichzeitig offen. Sehen ist individuell, es gibt immer verschiedene Blickwinkel, Ansichten und Sichtweisen. Das Gesehene wird von jedem Menschen anders mit Gefühlen und Erinnerungen verknüpft. Bilder, ganz gleich ob auf die Wand oder in ein Buch gemalt oder aus geschnitzten Figuren zusammengestellt, transportieren mehr Wirklichkeit, haben eine höhere Erlebnisqualität als Gehörtes oder Gelesenes, ebenso verhält es sich mit Räumen. Der Mensch ist ein visuelles Lebewesen. Durch das Sehen erfährt er wesentlich mehr von seiner Umwelt, als von allen anderen Sinnesorganen. In der Bibel wird das Sehen oft gleichgestellt mit der Erkenntnis. Der visuelle Reiz ist die Grundlage für Licht- und Installationskunst, für das Kunsterlebnis an sich.

Über die Brücke der Sinne weiß sich der Mensch mit der Welt der geschaffenen Dinge und der Schöpfung verbunden. Aristoteles bezeichnete die fünf primären Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen als das Fenster der Seele nach außen. Über diese Seelenfenster erfahren wir etwas von Gott. Die Welt unserer Sinneswahrnehmung ist eine Welt der Hinwendung, der Begegnung und des Dialogs; sie verlangt, dass wir uns selber dabei zurücknehmen und vergessen können, um auf die innere Stimme dessen, was ist und geschieht, zu hören. Der Weg der Sinne weist von außen nach innen, vom Rand zur Mitte, von der Erscheinung zum Wesen und Geheimnis. Sinnenhaft erfahren wir Gott, sinnhaft müssen wir den Glauben lernen und in uns aufnehmen. Die Tatsache, dass der Glaube bei vielen Menschen unserer Zeit nur schwer ankommt, gründet nicht nur in dem Umstand, dass er eine heute oft nicht mehr verständlichen Sprache spricht und sich zum Teil überkommener Symbole bedient; die so genannte Sprachlosigkeit des Glaubens hängt zu einem Großteil auch mit dessen Entsinnlichung zusammen. Wir haben oft den Glauben von der Welt unserer Sinne getrennt. Dabei ist es doch so, dass Sinnlichkeit und Sinnesfreude in der Bibel charakteristische Schlüsselbegriffe sowohl für das Lebens- wie auch für das Glaubensgefühl des Menschen sind, wenn es heißt:

„Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was wir mit unseren Händen angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens“ (1 Joh 1,1). Und: „Dein Auge gibt dem Körper Licht. Wenn die Auge gesund ist, dann wird auch dein ganzer Körper hell sein […] Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.“

(Lk 11, 34-36)

Der Vorgang des Sehens gleicht dem Wunder der Schöpfung.

Es ist das Auge, durch das wir das Licht empfangen. Unser Auge „sieht“ mehr, weiter und tiefer; es vermag zu schauen. Es bleibt bei dem, was es wahrnimmt nicht stehen; es sieht nicht nur, es schaut, es schaut an und durch, es betrachtet und verweilt bei dem, was es sieht. Dabei kommt es zu einer Begegnung, zu einem Gespräch und Austausch. Erst darin fängt das Geschehen an, für den Betrachter zu existieren, für ihn da zu sein. Das ist eine neue Dimension oder Ebene der Weltanschauung, der Welterfahrung, der Glaubenserfahrung. Der Weg vom Schauen zum Glauben ist somit nicht weit. Der Schauende sieht tiefer und reicht darin den Glaubenden die Hand. Wir reden heute fast nur noch von der Last, der Dunkelheit oder Krise des Glaubens. Damit aber unterschlagen wir die nicht wenig wichtige und legitime Erfahrung, die von den erleuchteten Augen unseres Herzens im Glauben spricht. Zum Glauben gehört die Verheißung:

„Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht“ (Lk 10, 23)

und das Bekenntnis: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2, 30)

Der Glaube schenkt neue Augen, zündet Lichter an, er enthält eine neue Lebens- und Weltsicht, er lehrt das Dasein, die Menschen und die Schöpfung in einem anderen als gewohnten Licht zu sehen.

Die Idee

In der Philothea schreibt Franz von Sales:

„Gott ist ja in allem und überall; es gibt keinen Ort und kein Ding, wo er nicht wirklich gegenwärtig wäre. Wohin die Vögel auch fliegen, sie finden ihr Element, die Luft in der sie sich bewegen; so finden auch wir, wohin immer wir gehen mögen, Gott überall gegenwärtig.“

Die große Botschaft des Evangelium lautet: Gott ist da, er ist jedem von uns – zu jeder Zeit – nahe.

Der Prophet Elija: Diesem Propheten wird alles zuviel. Er flieht in die Wüste und wünscht sich den Tod. Nach vierzig Tagen Wüstenwanderung erreicht er eine Höhle, in der er sich versteckt. Und dann, so heißt es, zog der Herr vorüber, zunächst ein heftiger Sturm – aber Gott war nicht im Sturm; dann ein Erdbeben – doch Gott war nicht im Erdbeben; dann folgte ein mächtiges Feuer – doch auch im Feuer war Gott nicht. Schließlich hörte Elija ein sanftes, leises Säuseln des Windes. In ihm war Gott. Gott war „Stimme verschwebenden Schweigens“.

Ein Grund, warum wir Gott oft nicht wahrnehmen, besteht also darin, dass wir glauben, er ist nur in den großartigen und mächtigen Dingen erfahrbar. Das ist für uns heutige Menschen ein großes Problem. Wir sind es gewohnt, im Lärm zu leben; alles muss anscheinend laut und gewaltig sein. Wir sind in der Versuchung, dass wir nur das wahrnehmen, was laut und schrill daherkommt. Die leisen Töne überhören wir. Gott aber zeigt sich dort, wo wir ihn nicht vermuten: im Kleinen, Ruhigen, Einfachen, Stillen und Verborgenen. Durch die Verhüllungsaktion im Kirchenraum ergibt sich eine sinnliche Reduzierung und dadurch bedingt eine gleichzeitige „Erfahrungs-Konzentration“. Im Verhüllten das Wahre, das Wesentliche erkennen lernen.

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