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Verhüllen und Offenbaren (zur Fastenzeit)

2010 - St. Thomas, St. Thomas

Vortrag zur Installation in St. Thomas

Einleitung

Augen kann man nicht zwingen, man kann sie nur einladen. „Wer eine Rede oder eine Sonate hören will, muss die Reihenfolge der Worte oder Töne ertragen. Nur in der Abfolge ergeben sie einen Sinn.“ Dem Auge aber steht alles im Lichte Stehende gleichzeitig offen. Sehen ist individuell, es gibt immer verschiedene Blickwinkel, Ansichten und Sichtweisen. Das Gesehene wird von jedem Menschen anders mit Gefühlen und Erinnerungen verknüpft. Bilder, ganz gleich ob auf die Wand oder in ein Buch gemalt oder aus geschnitzten Figuren zusammengestellt, transportieren mehr Wirklichkeit, haben eine höhere Erlebnisqualität als Gehörtes oder Gelesenes, ebenso verhält es sich mit Räumen. Der Mensch ist ein visuelles Lebewesen. Durch das Sehen erfährt er wesentlich mehr von seiner Umwelt, als von allen anderen Sinnesorganen. In der Bibel wird das Sehen oft gleichgestellt mit der Erkenntnis.

„Die Heilige Schrift setzt immer wieder sehen und erkennen gleich. Das Sehen ist die in der Bibel am häufigsten erwähnte Sinneswahrnehmung: 1300-mal (Hören 1160-mal). Das Auge wird 866-mal erwähnt, das Ohr nur 187-mal. Die Heilige Schrift beginnt mit dem Sehen Gottes: Und Gott sah, dass es gut war und endet mit einer Vision: Ich sah die Stadt die vom Himmel herabkommt. Theologie ist, was nur wenige Theologen beherzigen, die Rede von dem, den wir anschauen, zu dem wir die Augen erheben. Denn das Wort Theos leitet sich wie Deus, Dio, Dieu von einem indoeuropäischen Wortstamm dse, der griechisch theasthai = sehen noch erhalten ist, ebenso wie in Theater und Theorie. Theologie, die demnach eigentlich Seh-rede heißt, versteht sich aber seit der Reformation fast nur noch als Hör-rede. Als Hör-rede wird die Theologie über die Kirchenbesucher ausgeschüttet. Das Sichtbare wird nur zum Anlass genommen, das theologische Wissen auszubreiten, anstatt das Bild, die Bilder, den Bau ernst zu nehmen, zum genauen Hinsehen einzuladen und das Geschaute wirken zu lassen.“

Der visuelle Reiz ist die Grundlage für Licht- und Installationskunst, für das Kunsterlebnis an sich.
Über die Brücke der Sinne weiß sich der Mensch mit der Welt der geschaffenen Dinge und der Schöpfung verbunden. Aristoteles bezeichnete die fünf primären Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen als das Fenster der Seele nach außen. Über diese Seelenfenster erfahren wir etwas von Gott. Die Welt unserer Sinneswahrnehmung ist eine Welt der Hinwendung, der Begegnung und des Dialogs; sie verlangt, dass wir uns selber dabei zurücknehmen und vergessen können, um auf die innere Stimme dessen, was ist und geschieht, zu hören. Der Weg der Sinne weist von außen nach innen, vom Rand zur Mitte, von der Erscheinung zum Wesen und Geheimnis. Sinnenhaft erfahren wir Gott, sinnhaft müssen wir den Glauben lernen und in uns aufnehmen. Die Tatsache, dass der Glaube bei vielen Menschen unserer Zeit nur schwer ankommt, gründet nicht nur in dem Umstand, dass er eine heute oft nicht mehr verständlichen Sprache spricht und sich zum Teil überkommener Symbole bedient; die so genannte Sprachlosigkeit des Glaubens hängt zu einem Großteil auch mit dessen Entsinnlichung zusammen. Wir haben oft den Glauben von der Welt unserer Sinne getrennt. Dabei ist es doch so, dass Sinnlichkeit und Sinnesfreude in der Bibel charakteristische Schlüsselbegriffe sowohl für das Lebens- wie auch für das Glaubensgefühl des Menschen sind, wenn es heißt: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was wir mit unseren Händen angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens“ (1 Joh 1,1). Und: „Dein Auge gibt dem Körper Licht. Wenn die Auge gesund ist, dann wird auch dein ganzer Körper hell sein […] Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.“ (Lk 11, 34-36). Der Vorgang des Sehens gleicht dem Wunder der Schöpfung. Es ist das Auge, durch das wir das Licht empfangen. Unser Auge „sieht“ mehr, weiter und tiefer; es vermag zu schauen. Es bleibt bei dem, was es wahrnimmt nicht stehen; es sieht nicht nur, es schaut, es schaut an und durch, es betrachtet und verweilt bei dem, was es sieht. Dabei kommt es zu einer Begegnung, zu einem Gespräch und Austausch. Erst darin fängt das Geschehen an, für den Betrachter zu existieren, für ihn da zu sein. Das ist eine neue Dimension oder Ebene der Weltanschauung, der Welterfahrung, der Glaubenserfahrung. Der Weg vom Schauen zum Glauben ist somit nicht weit. Der Schauende sieht tiefer und reicht darin den Glaubenden die Hand. Wir reden heute fast nur noch von der Last, der Dunkelheit oder Krise des Glaubens. Damit aber unterschlagen wir die nicht wenig wichtige und legitime Erfahrung, die von den erleuchteten Augen unseres Herzens im Glauben spricht. Zum Glauben gehört die Verheißung: „Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht“ (Lk 10, 23) und das Bekenntnis: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2, 30). Der Glaube schenkt neue Augen, zündet Lichter an, er enthält eine neue Lebens- und Weltsicht, er lehrt das Dasein, die Menschen und die Schöpfung in einem anderen als gewohnten Licht zu sehen.

Die Idee

In der Philothea schreibt Franz von Sales: „Gott ist ja in allem und überall; es gibt keinen Ort und kein Ding, wo er nicht wirklich gegenwärtig wäre. Wohin die Vögel auch fliegen, sie finden ihr Element, die Luft in der sie sich bewegen; so finden auch wir, wohin immer wir gehen mögen, Gott überall gegenwärtig.“ Die große Botschaft des Evangelium lautet: Gott ist da, er ist jedem von uns – zu jeder Zeit – nahe. 
Der Prophet Elija:
Diesem Propheten wird alles zuviel. Er flieht in die Wüste und wünscht sich den Tod. Nach vierzig Tagen Wüstenwanderung erreicht er eine Höhle, in der er sich versteckt. Und dann, so heißt es, zog der Herr vorüber, zunächst ein heftiger Sturm – aber Gott war nicht im Sturm; dann ein Erdbeben – doch Gott war nicht im Erdbeben; dann folgte ein mächtiges Feuer – doch auch im Feuer war Gott nicht. Schließlich hörte Elija ein sanftes, leises Säuseln des Windes. In ihm war Gott.
Gott war „Stimme verschwebenden Schweigens“.
Ein Grund, warum wir Gott oft nicht wahrnehmen, besteht also darin, dass wir glauben, er ist nur in den großartigen und mächtigen Dingen erfahrbar. Das ist für uns heutige Menschen ein großes Problem. Wir sind es gewohnt, im Lärm zu leben; alles muss anscheinend laut und gewaltig sein. Wir sind in der Versuchung, dass wir nur das wahrnehmen, was laut und schrill daherkommt. Die leisen Töne überhören wir. Gott aber zeigt sich dort, wo wir ihn nicht vermuten: im Kleinen, Ruhigen, Einfachen, Stillen und Verborgenen. Durch die Verhüllungsaktion im Kirchenraum ergibt sich eine sinnliche Reduzierung und dadurch bedingt eine gleichzeitige „Erfahrungs-Konzentration“. Im Verhüllten das Wahre, das Wesentliche erkennen lernen.

Theologische Grundlagen

In der Bibel treten Vorhangs- und Verhüllungsmotiv sowohl im Alten als auch im Neuen Testament auf. Und daraus resultierend Verhüllungen in der Liturgie in den Anfängen des Christentums bis hin zur heutigen Zeit. „Die drei großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam verstehen sich als Offenbarungsreligion, d.h. als Religionen, in denen sich Gott selbst dem Menschen zeigt und offenbart. Diese Offenbarung, lat. revelatio, ist im wortwörtlichen Sinn eine „Enthüllung“ des verborgenen und unbegreiflichen Gottes.“

„Wo immer Gott im Alten Testament an entscheidenden Wendepunkten der Geschichte Israels auftritt und seine Herrlichkeit zeigt, sind seine Theophanien gleichzeitig Verhüllungsmotiven gekennzeichnet.“ Mose ruft dem verborgenen Jahwe zu: „Lass mich doch dein Angesicht sehen!“ Und die Antwort lautet: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. [...] Du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.“ Im brennenden Dornbusch offenbarte sich Gott dem Mose: „Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“ Auch der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten wird von Gott verhüllt begleitet: „Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.“ „Den Höhepunkt der Erscheinung Gottes im Buch Exodus stellt das Geschehen am Sinai dar, wo der Mensch vermittelt durch die Hand des Mose im Dekalog die göttliche Lebensordnung erhält.“ „Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herab gestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig.“ Und nachdem Mose die Gesetzestafeln auf dem Sinai erhalten hatte: „Dann kamen alle Israeliten herbei und er übergab ihnen alle Gebote, die der Herr ihm auf dem Sinai mitgeteilt hatte. Als Mose aufhörte, mit ihnen zu reden, legte er über sein Gesicht einen Schleier. Wenn Mose zum Herrn hineinging, um mit ihm zu reden, nahm er den Schleier ab, bis er wieder herauskam. Wenn er herauskam, trug er den Israeliten alles vor, was ihm aufgetragen worden war. Wenn die Israeliten das Gesicht des Mose sahen und merkten, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, legte er den Schleier über sein Gesicht, bis er wieder hineinging, um mit dem Herrn zu reden.“

Auf dem Gottesberg Horeb offenbart sich Gott dem Propheten Elija. Der Herr zeigte sich diesmal nicht in den üblichen Verhüllungen eines starken, heftigen Sturmes, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern war „Stimme verschwebenden Schweigens. Als Elija er hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel.“
Dem Ezechiel erscheint Gott während seiner Berufung zum Propheten in einer Feuertheophanie. Der Tempel, in dem Jesaja seine Berufung zum Propheten erhielt, war mit Rauch angefüllt. Der Herr saß auf einem hohen und erhabenen Thron. „Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf und der Tempel füllte sich mit Rauch.“ Weder Jesaja noch die Engel können Gott sehen, er offenbart sich in der Verhüllung, aus der heraus er spricht. Feuer, Rauch, Wolken und Wind werden so zum Zeichen der verhüllenden Anwesenheit Gottes. „Wenn einer den Herrn aufsuchen wollte, ging er zum Offenbarungszelt. Wenn einer den Herrn aufsuchen wollte, ging er zum Offenbarungszelt vor das Lager hinaus. Wenn Mose zum Zelt hinausging, erhob sich das ganze Volk. Jeder trat vor sein Zelt und sie schauten Mose nach, bis er in das Zelt eintrat. Sobald Mose das Zelt betrat, ließ sich die Wolkensäule herab und blieb am Zelteingang stehen. Dann redete der Herr mit Mose. Wenn das ganze Volk die Wolkensäule am Zelteingang stehen sah, erhoben sich alle und warfen sich vor ihren Zelten zu Boden. “

Auch das Neue Testament beinhaltet das Verhüllungsmotiv: „In den Theophanien offenbart sich Gott Vater, in den Christophanien der Gottessohn Jesus Christus und die Pneumatophanien die dritte Person, der Heilige Geist – und dies immer in verhüllter Gestalt.“ „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.“ Im Neuen Testament sind alle Theophanien eng mit der Person Jesu verbunden, er ist die Offenbarung des unsichtbaren Vaters, doch das göttliche Wesen Jesu verhüllt sich hinter seiner menschlichen Gestalt. Die Theophanien fanden an zentralen Punkten im Leben Jesu statt: Die Taufe Jesu im Jordan und die Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor.

„Im Mittelpunkt des neuen Testamentes steht jedoch die Christusphanien des Auferstandenen.“ Jesus offenbart sich nach seinem Kreuzestod als der Auferstandene: „Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.“ So werden die Leinenbinden und das Schweißtuch zu Zeichen und Hinweisen seiner verhüllten, neuen Gegenwart als Auferstandener, als der er fortan erscheint. „Die Begegnung mit dem Gottessohn Jesus Christus ist fortan gekennzeichnet durch das Wechselspiel von Verhüllung und Enthüllung, von Geheimnis und Offenbarung.“ Die Anwesenheit des Gottessohnes, der den Tod überwunden hat, ist nicht greifbar, ja unbegreiflich. So erweisen sich die Erzählungen der Auferstehung und der Erscheinungen Jesu als Offenbarung eines Geheimnisses, als Enthüllungen des verborgenen Gottes. Vor allem in der Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus wird dies besonders deutlich. Schließlich finden sich Verhüllungsmotive in den Pneumatophanien, den Erscheinungen des Geistes Gottes. Am Pfingsttag offenbart sich der Geist in sichtbaren und hörbaren Verhüllungen. „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. [...] Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Die alten Bilder der verhüllten Gegenwart Gottes in Sturm und Feuer werden ergänzt durch Erfahrbarkeit Gottes in dem geistgewirkten Einander-Verstehen trotz der großen Sprach- und Kulturvielfalt.

Die Erscheinung der drei göttlichen Personen in der Heiligen Schrift ist demnach also von Bildern der Verhüllung wie Rauch, Sturm, Wind, Feuer und Wolke begleitet, die den Gläubigen den Weg weiden oder sie der Anwesenheit Gottes versichern, die Verstehen und Freude hervorruft. Die Bilder der Verhüllung sind nicht selbst Gott, sondern verweisen auf seine verhüllte Anwesenheit. Im Hinblick auf Jesus Christus werden die Tücher, in die sein toter Körper eingewickelt worden war, zu Zeichen der veränderten, verhüllten und neuen Gegenwart Gottes. „Die Metaphorik des Schleiers, der Umhüllung, der verbergenden Verdunklung durchdringt die Heilige Schrift und ihre Terminologie ebenso wie die exegetische Literatur und bringt die Auffassung von der Unsichtbarkeit und dem Geheimnis des Göttlichen in vielfach wiederkehrenden Bildern und Gleichnissen zum Ausdruck.“ Die Offenbarungsgestalt Gottes ist die enthüllende Verhüllung!

„In Jesus Christus vollendet sich Gottes Offenbarkeit in der Verhüllung. Nicht erst im Leidensgeschehen, schon in der Menschwerdung. Schon im reinen Faktum, dass das Wort Fleisch wird. Unausdenkbares Paradox, in welchem alle Paradoxe der Schöpfung und Heilsgeschichte zusammenlaufen. Denn gewiss erfüllt sich hier das überschwänglich, was die Schöpfung begonnen hatte: dass Gott sich ausdrückt und darstellt, dass der unendlich freie Geist sich einen Ausdrucksleib schafft, in dem er sich zwar offenbaren, aber besser noch verhüllen kann als der über alles hinaus, was außerhalb seiner ist und erdacht werden kann, unaussprechlich Erhabene. [...] Und es erfüllt sich überschwänglich, was Gott selbst in Israel eingeleitet hatte: dass er sich in seinem eigenen in die Geschichte und die Herzen des Volkes gesprochenen Wort immer tiefer auslegt und wehrloser preisgibt, und sich gerade so immer mehr als der unbegreiflich Verhüllte enthüllt.“

Das Verhüllen in der Liturgie der Kirche

„Was sich beim Verhüllungs- und Vorhangmotiv in der Bibel niedergeschrieben findet, zeigt sich materialhaft in der Liturgie der Kirche, die durch die Jahrhunderte hindurch geprägt ist vom rituellen Verhüllen und Enthüllen liturgischer Gegenstände, des Altarraumes oder dem Zeichen der verborgenen Gegenwart Gottes, der Eucharistie.“ Der Verhüllungsritus in der Liturgie der Kirche bringt sinnenhaft zur Erfahrung, was in der Heiligen Schrift nur mit Worten verkündet wird. So spiegelt sich in den liturgischen Verhüllungsvelen, den Fasten- und Passionstüchern sowie in der Ikonostase der Ostkirche die biblisch-theologische Gottsuche in den Kategorien von Geheimnis und Offenbarung, Enthüllung und Verhüllung wieder: „Zu allen Zeiten haben gläubige Menschen zwar eine große Scheu davor empfunden, das Heilige unverhüllt zu sehen, aber diese Scheu konnte nicht den Wunsch verdrängen, dennoch eine sinnliche Beziehung zu dem Heiligen herzustellen.“ Ausgehend von der katholischen Tradition, dass das Allerheiligste „sub baldachino“ oder von Velen verhüllt aufzubewahren oder verehrt wurde, erhalten auch weniger bedeutende, nichts desto trotz heilige Dinge Anteil am Verhüllungsritus der Kirche. Aus dem Mittelalter sind „Evangelienbücher, die mit golddurchwirkten und mit Edelsteinen verzierten Decken bedeckt waren“, bekannt. Und auch Reliquien wurden oft nur von Stoff verhüllt gezeigt: in einem gläsernen und durch sichtigen Ostensorium werden die Gebeine der Heiligen in Stoff eingehüllt aufbewahrt. „Zwischen Verborgenheit und Sichtbarkeit lebt die praesentia des Heiltums, doch das verborgene Heilige mag noch stärker von der Aura des Geheimnisvollen und Numinosen umgeben sein als das sichtbare.“ Die verhüllenden Velen in der Liturgie der Kirche bezeichnen demnach nicht nur einen abgegrenzten heiligen Ort, sie sind nicht nur eine bergende und schützende Hülle. Sie sind vor allen Dingen Hinweis auf einen besondern Ort, Zeichen der verborgenen Gegenwart Gottes.
Die Fastentücher „velum quadragesimale“ und Passionsvelen in der Liturgie der Westkirche sind im übertragenen Sinne ein fasten für die Augen der Gläubigen. Das Fastentuch, im Mittelalter auch „Hungerdoek“ oder „Schmachtlappen“ genannt, ist „ein Vorhang, der während der vierzigtägigen vorösterlichen Buß- und Fastenzeit aufgehängt wurde, um den Hochaltar und Heiligenfiguren zu verhüllen“. Die großen textilen behänge aus leinen oder Seide waren ursprünglich wohl unbebildert und einfarbig, später wurden sie auch bedruckt, bemalt oder mit Stickereien - nicht selten in Filettechnik - geschmückt. Seit dem ende des 10. Jahrhunderts sind die zumeist mehrere Quadratmeter großen Fastentücher in ganz Europa bis heute bezeugt.
„Ihre Hochblüte erleben die Hungertücher im 14./15. Jahrhundert in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und England. [...] Mit Beginn der Neuzeit verflüchtigte sich [...] dieser Brauch, hielt sich nur noch in Westfalen und im Münster zu Freiburg. Im Westfälischen erlebte das Hungertuch im 16. Und 17. Jahrhundert einen neuen Auftrieb. [...] Während die Fastentücher zunächst den ganzen Altarraum verhüllten, werden sie später so klein, dass sie nur noch den Blick auf das Altarsakrament verbauen oder – wie seit dem 17. Jahrhundert üblich – nur noch das Altarretable verhängen. Bildthematisch stand ursprünglich die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zum Weltende im Mittelpunkt, später rückten die Leidensgeschichte Jesu und die Arma Christi ins Zentrum. Heute erleben die Fastentücher eine Renaissance. Der Brauch wurde in Deutschland seit 1976 durch die Misereor-Hungertücher, die nicht viel mit den Fastentücher der vergangenen Jahrhunderte zu tun haben, neu belebt.“

Die an Stangen aufgehängten Fastentücher verhüllten den Altar zumeist während der ganzen Fastenzeit von Aschermittwoch an bis zur Komplet am Karmittwoch oder zur Liturgie am Karfreitag und gaben so erst in der Karwoche den Blick auf den Altar wieder frei. Nicht selten wurde das Fastentuch in der Messe zu der biblischen Textstelle: „Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei“ mit Rasseln oder Klappern, oder mit lautem Geräusch von der Vorhangsstange fallen gelassen. In Ergänzung zum Fastentuch wurden in der Fastenzeit neben dem Hochaltar oft auch weitere Ausstattungsgegenstände der Kirche verhüllt. Dem Gläubigen wird „der Einblick in das Allerheiligste des neutestamentlichen Tempels entzogen“, da er sich durch seine Sünde selbst von der Gemeinschaft der Heilligen abgesondert hat. Der Gläubige erfährt durch den sichtbaren Ausschluss vom Allerheiligsten, dass er umkehren sowie Abstinenz und Fasten üben soll, um wieder Teilhabe am Heiligen zu erfahren. Das Fasten der Augen und die Abstinenz in der Anschauung des Heiligen werden so zur Bußübung, die in der Karwoche und am Ostertag von Gott gnadenhaft beantwortet werden: „Die Entfernung des Fastentuches vor der Osternacht verdeutlichte, dass Christus wieder unverhüllt in göttlicher Herrlichkeit vor den Menschen steht, dass er den Himmel geöffnet und die Blindheit des Herzens weggenommen hat, die hinderte, das Geheimnis seines Leidens zu verstehen.“ Im Verhüllen des Altarraumes, der Kreuze und Reliquien wird „das anschauliche Geheimnis dem Auge entzogen, die direkte Berührung des Heiligen untersagt.“ Im Enthüllen wird das österliche Geschenk der Erlösung und der Vergebung der Sünden durch den heiland jesus Christus erfahrbar. 
Die Künstlerkollegin Frau Martha Kreutzer-Temming, die im Jahre 2000 ein Fastentuch für das sich im Kölner Dom befindene Gerokreuz verwirklichte, sagte zur ihrem Kunstwerk: „Mein Fastentuch ist ein Schleier. Verhülltes fasst man nicht an. [...] Das transparente Weiß nimmt sich den Betrachter zurück. Er ahnt, da ist noch etwas dahinter. Eine Distanz entsteht, die innerlich bewegt und anrührt.“ Das Fastentuch verhindert nicht den Blick, es öffnet ihn: „Hier soll man schauen und denken, und je länger man schaut, desto eindrucksvoller wird das sehen, desto intensiver das Gesehene.“

„Dein Auge gibt dem Körper Licht. Wenn die Auge gesund ist, dann wird auch dein ganzer Körper hell sein […] Wenn dein ganzer Körper von Licht erfüllt und nichts Finsteres in ihm ist, dann wird er so hell sein, wie wenn die Lampe dich mit ihrem Schein beleuchtet.“ Der Vorgang des Sehens gleicht dem Wunder der Schöpfung. Es ist das Auge, durch das der Mensch das Licht empfängt. Aber das Auge „sieht“ mehr, weiter und tiefer; es vermag zu schauen. Es bleibt bei dem, was es wahrnimmt nicht stehen; es sieht nicht nur, es schaut, es schaut an und durch, es betrachtet und verweilt bei dem, was es sieht. Dabei kommt es zu einer Begegnung, zu einem Gespräch und Austausch. Erst darin fängt das Geschehen an, für den Betrachter zu existieren, für ihn da zu sein. Das ist eine neue Dimension oder Ebene der Weltanschauung, der Welterfahrung, der Glaubenserfahrung. Der Weg vom Schauen zum Glauben ist somit nicht weit. Der Schauende sieht tiefer und reicht darin den Glaubenden die Hand.
„Das zeitweise Verhüllen öffnet den Blick für eine Neuentdeckung des Geheimnisvollen, das scheinbar bekannte ist, aber nicht erkannt werden kann.“

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