Referenzen

Pastoralreferent Wolfgang Funke

Citykirche Mönchengladbach

Im Zentrum und gleichzeitig am höchstgelegenen Punkt der ehemaligen Textilstadt Mönchengladbach am Niederrhein steht die Kirche St. Mariä Himmelfahrt. Sie ist fünfhundert Jahre alt, ihr gottesdienstlicher Standort zählt jedoch mindestens doppelt so viele Jahre. Die Kirche ist ein spätgotischer Hallenbau mit zehn Säulen, sie ist traditionell Mittelpunktkirche der Stadt und seit vielen Jahren dringend renovierungsbedürftig. Der Putz fällt von den Wänden herab, die Dachziegel drohen sich zu lösen, es riecht modrig. Seit wenigen Monaten wird sie neu genutzt: die Pfarrgemeinde hat die Kirche für die Citypastoral freigegeben, um damit Menschen diesen Kirchenraum neu anzubieten, die ihn lange nicht genutzt haben. Arbeitsschwerpunkt der Citypastoral ist so, neue und ungewöhnliche Angebote in diesem Kirchenraum zu machen. Der Gottes-Raum in seiner Sakralität, seiner außergewöhnlichen Architektur und seiner besonderen Atmosphäre soll für die Mönchengladbacher Bürgerinnen und Bürger wieder und mit neuem Anlauf zu ihrem Ort des Gebets und der Begegnung mit sich selbst, mit anderen und mit Gott werden.

Auf der Suche nach solchen Angeboten hörten wir Cityseelsorger von den Installationen in sakralen Räumen, die der Bonner Künstler Stefan Knor gestaltet. Bereits nach einem ersten Gespräch mit dem Künstler gefiel uns die Begeisterung, mit der er unsere Idee aufnahm, in der Citykirche eine Installation durchzuführen. Seine Begeisterung steckte uns an und sein erster Entwurf, das für die Stadt Mönchengladbach prägende Thema Textil durch eine Tuchinstallation im Kirchenraum zu integrieren, war nach unserer Einschätzung sehr gut. So begann eine intensive und gute Zusammenarbeit mit Stefan W. Knor. Äußerst zuverlässig, sehr kooperativ und mit vielen innovativen Ideen erlebten wir ihn bei jedem Vorbereitungstreffen.

Vom 5. bis 7. Mai 2006 fand dann die große Licht-, Tuch- und Klanginstallation statt. Das von Stefan W. Knor dazu gewählte Thema stammt aus Psalm 104, Vers 2: »Der das Licht um sich schlingt wie ein Tuch, den Himmel wie einen Zeltteppich spannt.« Psalm 104 durchschreitet die Lebensräume der Welt, er beschreibt faszinierend die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung und spricht über die Erschaffung und den Erhalt der Schöpfung. Die ganze Skizze des Weltbilds zielt auf die zentrale Aussage, dass alles, was lebt, sein gemeinsames Leben der gebenden Hand, dem liebevoll zugewandten Angesicht und dem belebenden Atem Gottes verdankt – einem Du, vor und zu dem der Beter begeistert sein Schöpfungslob singt.

Hochweiße Stoffbahnen waren von einer Mönchengladbacher Tuchfabrik gestiftet worden. Sie wurden kombiniert mit einer aufwändigen Licht- und Klanginstallation, die sich an der gotischen Architektur orientiert und sie zugleich aktualisiert. Die zum „Himmel“ strebende Dynamik spätmittelalterlicher Architektur wird auf diese Weise neu erfahrbar gemacht. Die zehn Stoffbahnen wurden am Boden zwischen den Säulen befestigt und zogen sich in das Mittelschiff bis ins Deckengewölbe hinein. Der Blick der Betrachtenden wurde so nach oben gelenkt. Die in den Raum eingebrachten Leuchtmittel waren einzeln ansteuerbar und in der Lichtintensität variierbar, so dass sich die Möglichkeit ergab, die erklingende Musik in Licht umzusetzen. Dadurch entstand eine neuartige Verbindung von Raum- und Zeiterfahrung. In der Apsis, am Altar und für das Deckengewölbe wurden Leuchten installiert, um die gotische Architektur angemessen ausleuchten zu können. Für den Zeitraum der Installation wurden die Kirchenbänke aus dem Kirchenraum entfernt, um ein anderes Raumgefühl zu erreichen.

An drei Abenden arbeitete Stefan W. Knor mit verschiedenen Mönchengladbacher Chören und Musikern zusammen. Insgesamt ca. 2000 Besucherinnen und Besucher erlebten dabei unvergessliche Stunden in einem durch das Licht wunderschön gestalteten Kirchenraum.

Die Installation wollte den Menschen einen unmittelbaren und zeitgemäßen Zugang zu einer Grundaussage unserer christlichen Botschaft bieten: Es gibt einen, der dich liebt, wie du bist: Gott. Bei ihm darfst du ganz du selber sein und auf ihn darfst du hoffen. Vor ihm darfst du dich vergessen, alte Wege verlassen und neu beginnen. Er schenkt dir Räume und Begegnungen, in denen du neue Hoffnung und neue Perspektiven für dein Leben entdecken kannst. Die oft wortlastige christliche (Gottesdienst-)Tradition ließ sich so auf ein Experiment einer nonverbalen, unmittelbaren Verkündigung mittels der Primärreize ein. Durch die unmittelbaren Reize von Licht, Klang sowie anderen Materialien sollten die Besucher den Kirchenraum als einen Kristallisationspunkt erleben, in dem sich Himmel und Erde berühren können. Die Sinne der Besucher, die »Fenster ihrer Seele« (Aristoteles) nach außen, wurden eingeladen, sich zu öffnen für eines der größten Geheimnisse des Menschseins, für die Erfahrung der Verbindung zu einem transzendenten Gegenüber, den wir als Christen als den dreifaltigen Gott bekennen. Die Sehnsucht in den Menschen nach dieser Dimension ihres Lebens wach zuhalten, ihnen neue Hoffnung zu geben und für die Annäherung daran Raum zu geben, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche in unserer Zeit.

Das Kunstprojekt stand im Zusammenhang mit der offiziellen Eröffnung der »Citykirche Alter Markt« im Zentrum der alten Textilstadt Mönchengladbach und der Jahrestagung 2006 des Vereins für christliche Kunst im Erzbistum Köln und im Bistum Aachen.

Die Installation war ein großer Erfolg für unsere citypastorale Arbeit und ein Highlight im Leben der Stadt Mönchengladbach. Sie hat für unsere innerstädtischen Kontakte und das kirchliche Leben in der Stadt Impulse gesetzt und viele positive Rückmeldungen und neue Beziehungen motiviert.

Wir danken Stefan W. Knor sehr für seine Initiative, seine kompetente Begleitung und ausdauernde Begeisterung für unser gemeinsames Anliegen. Wir haben ihn als Künstler immer in dem Bemühen erlebt, verantwortlich mit der Tradition der Kirche für die heutige Zeit umzugehen. Nach unserer Einschätzung ist dies sehr gut gelungen. Wir hoffen, dass die Zusammenarbeit einmal in einem neuen Projekt fortgeführt werden kann.

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